Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Städtische Galerie

umgehängt 2018: Facetten der Malerei 1960 - 2010

31. Januar 2018 - Frühjahr 2019

Seit etwa zehn Jahren präsen­tiert die Städtische Galerie ­Karls­ruhe ihre Dauer­aus­stel­lung unter dem bildhaften Begriff "um­ge­hängt", um unmit­tel­bar deutlich zu machen, dass dieser ­Be­reich im ersten Oberge­schoss regelmäßig neu konzipiert wird. Die reichen Bestände der Städti­schen Kunst­samm­lung und der Samm­lung von Ute und Eberhard Garnatz mit Werken aus den 1960er- bis in die 2010er-Jahre werden unter immer neuen Vorzeichen und in unter­schied­lichs­ten Konstel­la­tio­nen vorge­stellt, so dass die Be­su­cher und Besuche­rin­nen auf ein breites Spektrum von eher ­sel­ten gezeigten bis zu vertrauten Kunst­wer­ken treffen. Im Mit­tel­punkt der aktuellen Schau "Facetten der Malerei" steht das tra­di­ti­ons­rei­che Medium und seine experi­men­telle Öffnung zu anderen Kunst­gat­tun­gen. Vor dem Hinter­grund der verän­der­ten ­künst­le­ri­schen Haltungen in den 1960er-Jahren mussten sich die Maler neu orien­tie­ren. Sie begannen ihr Medium zu hinter­fra­gen, erkun­de­ten seine spezi­fi­schen Möglich­kei­ten und erwei­ter­ten ­diese auf unter­schied­lichste Weise. Sie setzten sich mit his­to­ri­schen Positionen ausein­an­der, nahmen Elemente der All­tags­kul­tur in ihr Werk auf und bezogen den realen Raum mit ein. Inhaltlich wandten sie sich einem breiten Spektrum zu - Natur- und Menschen­dar­stel­lun­gen gehören ebenso dazu wie All­tags­ge­gen­stände und gesell­schafts­po­li­ti­sche Themen.

Die Möglich­kei­ten der Farbe als bestim­men­des Element der Ma­le­rei unter­such­ten die Künstler der Nachkriegs­zeit und nahmen sie als Ausgangs­punkt für ihre experi­men­tel­len ­Ar­bei­ten. Emil Schumacher, ein be­deu­ten­der Vertreter des Informel, entwickelt aus einer offenen und prozess­haf­ten Arbeits­weise seinen authen­ti­schen Stil, indem er Farbe pastos auftrug und ihre Stoff­lich­keit zur Gestal­tung ei­ner relief­haf­ten Oberfläche nutzte, wie sein spätes Werk "­Man­sur" von 1998 beispiel­haft zeigt. Er gestaltete archaisch an­mu­tende Zeichen und Strukturen, die Assozia­tio­nen zu Bo­deno­ber­flä­chen und Landschaft hervor­ru­fen. Otto Piene ging radikal mit dem leuchtend roten, homogenen Grund des Gemäldes "Sky Red, Sun Black" von 1966 um. Mit einer zentral darauf gerich­te­ten, offenen

Flamme ließ er die Farbe schmelzen. Das Ergebnis, die blasig-krustige Struktur der Bildober­flä­che, fungiert als un­mit­tel­ba­res Sinnbild für Energie und Zerstörung. Piene war Grün­dungs­mit­glied der legendären Gruppe ZERO. Ihr Name leitet ­sich ab vom Countdown des Raketen­starts und symbo­li­siert einen ­kom­pro­miss­lo­sen Neubeginn. Licht, Bewegung, Raum und Zeit ­soll­ten die wesent­li­chen Elemente ihrer Kunst sein. Das Oeuvre von Sigmar Polke steht ebenfalls für einen experi­men­tel­len Umgang mit den künst­le­ri­schen Techniken - auch der Malerei. Statt der üblichen Leinwand wählt er unter an­de­rem Biber­tü­cher (wie beim "Reih­er­bild IV", 1969) und Po­ly­es­ter­ge­webe als Bildträger. Er trug die Farbe pastos auf, drückte sie direkt aus der Tube auf den Bildträger oder nutzte sie dünnflüs­sig-verlaufend. Polke gehört auch zu den Künstlern, die Elemente der Alltags­kul­tur in ihre Werke ­auf­nah­men. Beispiel­haft hierfür sei auf das Gemälde "Berli­ner (­Bäcker­blu­me)" von 1965 verwiesen. Anregung für diese Arbeit bot die kostenlose Kunden­zeit­schrift "Bäcker­blu­me" bezie­hungs­wei­se ­die Verpackung des gleich­na­mi­gen Mehls mit dem zentralen Porträt ei­nes lachenden Bäckers in Arbeits­klei­dung. Polke griff das Bild­nis auf und übertrug es vergrößert in seine schwarz-weiße ­Kom­po­si­tion aus Raster­punk­ten, die er aus der Technik des Sieb­drucks ableitete.

Das kritische Hinter­fra­gen histo­ri­scher wie zeit­ge­nös­si­scher Phänomene und Ereignisse prägte die Ma­le­rei seit den 1960er-Jahren in besonderem Maße. Ein an­spie­lungs­rei­ches Beispiel ist die Serie der "Helden­bil­der" von Georg Baselitz, aus der wir das Ge­mälde "Der Exote" von 1966 zeigen. Hierin stellte der Künst­ler ­den plakativ formu­lier­ten Heroen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen und später der ostdeut­schen Propaganda eine sensibel und verletz­lich wir­kende Gestalt in einer offenen Malweise entgegen. Jörg Immendorff setzte sich inten­si­v ­mit dem deutsch-deutschen Verhältnis in den Zeiten des Kalten ­Krie­ges ausein­an­der. In seiner Serie "Café Deutsch­land" griff er dieses Thema anspie­lungs­reich und zum Teil karikie­rend auf. Im Vor­der­grund sind die Künst­ler­freunde Immendorff und der im Osten le­bende A. R. Penck wieder­ge­ge­ben, die scheinbar malend die Gren­zen überwinden.

Die experi­men­telle Öffnung der Malerei zu anderen Kunst­gat­tun­gen setzte in der Nach­kriegs­zeit mit dem Informel ein und führte schließ­lich zur völ­li­gen Auflösung der Gattungs­gren­zen. Bernard ­Schultze, ein bedeu­ten­der Vertreter dieser ­künst­le­ri­schen Haltung und Teil der Avantgarde, veränderte seit der Mitte der 1950er-Jahre seine Malerei grund­le­gend, indem er Stoff­reste, Äste, Drähte auf der Bildfläche anbrachte und so zu or­ga­nisch wuchernden Reliefs gelangte. Sie erinnern in ihrer Form und Farbgebung an Landschaf­ten. Peter ­Brü­ning brach in seinem Gemälde "Rhein", 1966, die streng rationale Begrenzung der Leinwand auf, gestaltete den Bild­rand wellen­för­mig und verwies so auf den

im Titel genannten Flusslauf. Die erwar­te­te ­Land­schafts­dar­stel­lung ersetzte er durch karto­gra­fi­sche Chif­fren. Jörg Immendorffs über­le­bens­große Babydar­stel­lun­gen entstanden in engem ­Zu­sam­men­hang mit seinen provo­zie­ren­den, politisch motivier­ten ­Per­for­man­ces und Mal-Aktionen. Der Künstler nutzte diese Gemäl­de auch im Rahmen der Perfor­man­ces, indem er die Babies schein­bar am Geschehen beteiligte oder als imaginäres Publikum einsetzte.

Das großfor­ma­tige Gemälde "Denn im wärmenden Schosse bringt der Leib männliches Geschlecht zur Welt", 1982 von Walter Stöhrer kann beispiel­haft für das Werk des Künstlers stehen, der immer wieder maleri­sche Par­tien, zeich­ne­ri­sche Strukturen und Textfrag­mente zu dichten ­ex­pres­si­ven Kompo­si­tio­nen vereinte. In seiner monumen­ta­len ­Ar­beit "Zu Hause mit Frontex" aus dem Jahre 2010 führt Franz Ackermann Malerei, Zeichnung, Aquarell, Relief, Fotografie und Instal­la­tion zu einem ein­drucks­vol­len, farbin­ten­si­ven und raumfül­len­den ­Ge­samt­kunst­werk. Diese umfassende Verknüp­fung der künst­le­ri­schen ­Me­dien setzt Benno Blome fort. Als e­he­ma­li­ger Schüler Franz Ackermanns wurde er 2017 mit dem Werner-Stober-Preis ausge­zeich­net. Die dazu gehöri­ge ­Prä­sen­ta­tion wird am Mittwoch, den 7. Februar 2018 eröffnet. Nach dem Ende der Laufzeit wird die Sammlungs­schau in diesem ­Be­reich ergänzt mit Werken von Helmut Dorner, Erwin ­Gross, Gustav Kluge und Gerhard ­Mantz.

Künstler und Künst­le­rin­nen: Margit Abele, Franz Ackermann, Peter Acker­mann, Georg Baselitz, Max Bill, Gundula Bleckmann, Peter ­Brü­ning, Rolf-Gunter Dienst, Helmut Dorner, Gerd van Dülmen, Nele-Marie Gräber, Erwin Gross, Otto Herbert Hajek, Peter Her­ken­rath, Leni Hoffmann, Jörg Immendorff, Per Kirkeby, Herber­t Kit­zel, Harald Klingel­höl­ler, Gustav Kluge, Heinrich Klumbies, Harry Kögler, Dieter Krieg, Rainer Küchen­meis­ter, Arnulf Letto, Markus Lüpertz, Heinz Mack, Gerhard Mantz, A. R. Penck, Otto Piene, Sigmar Polke, Hans Peter Reuter, Emil Schumacher, Walter ­Stöh­rer, Günther Uecker, Günter Umberg, Corinne Wasmuht.

 

Jörg Immendorff

Jörg Immendorff: Café Deutschland IV, 1978.

 

Per Kirkeby: Mayland-Höhle (fast vergessen), 1982. Sammlung Garnatz Köln. © Foto: Heinz Pelz.

Per Kirkeby: Mayland-Höhle (fast vergessen), 1982. Sammlung Garnatz Köln. ©Foto: Heinz Pelz.

 

Emil Schumacher

Emil Schumacher: Mansur, 1998. ©Foto: Heinz Pelz.