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Karlsruhe: Städtische Galerie

Tradition und Aufbruch

Nach­kriegs­kunst in Karlsruhe

20/07/2019-19/01/2020

"Tra­di­tion als Verpflich­tung" - unter diesem Motto stand nicht nur die Karlsruher Kunst­aka­de­mie, als sie nach schwe­ren ­Kriegs­zer­stö­run­gen 1947 ihren Lehrbe­trieb wieder aufnahm, diese Hal­tung kennzeich­net auch die gesamte Kunstszene der Nach­kriegs­zeit in der Fächer­stadt. Mit der Wieder­ein­set­zung ih­rer 1933 entlas­se­nen Profes­so­ren Karl Hubbuch und Wilhel­m Schnar­ren­ber­ger bzw. mit den Berufungen von Erich Heckel und Otto Laible knüpfte die Akademie an ihre eigenen Wurzeln und an aner­kannte Richtungen der Klassi­schen Moderne an. Auch das Schaf­fen der hier freibe­ruf­lich tätigen Künstler blieb ­größ­ten­teils einer gegen­ständ­lich-figura­ti­ven Bildspra­che ­ver­bun­den. Erst mit HAP Grieshaber, der 1955 als Nachfol­ger He­ckels nach Karlsruhe kam, wurden neue Impulse wirksam. Gries­ha­ber begeis­terte seine Studie­ren­den für die aktuel­len ­Po­si­tio­nen der inter­na­tio­na­len Avantgarde und förderte eine große Zahl junger Talente. Aus seiner Klasse ging die Neue ­Fi­gu­ra­tion hervor, zu deren bedeu­tends­ten Vertretern u. a. Horst An­tes und Walter Stöhrer zählen. Spannende Gegen­über­stel­lun­gen in­di­vi­du­el­ler Positionen vermitteln einen facet­ten­rei­chen Ein­blick in das Kunst­ge­sche­hen der Stadt zwischen Kriegsende und 1960.

Der Rundgang durch die in thematisch-chrono­lo­gi­sche Abtei­lun­gen ­ge­glie­derte Ausstel­lung beginnt mit einer Auswahl aus Erwin Spu­lers Zyklus "Als das Feuer vom Himmel fiel". Unter dem un­mit­tel­ba­ren Eindruck des Kriegs­in­fer­nos schuf der Künst­ler eine Folge von Gemälden und Gouachen, in denen er den Betrach­ter ­nicht nur mit den bis zur Unkennt­lich­keit zerbomb­ten ­Stadt­land­schaf­ten konfron­tiert, sondern in drasti­schen, nahsich­ti­gen Bildfin­dun­gen auch die Opfer der Luftan­griffe vor Augen führt. Zahlreiche weitere Exponate in diesem ersten Aus­stel­lungs­be­reich dokumen­tie­ren die enormen Kriegs­schä­den in Karls­ruhe, dessen Innenstadt zu mehr als 60 Prozent zerstör­t wor­den war. Maler und Grafiker wie Otto Graeber, Adolf Rent­sch­ler und viele andere haben beispiels­weise die Ruine der Ste­phans­kir­che oder das bis auf seine Grund­mau­ern ausge­brannte Schloss, aber auch den begin­nen­den Wieder­auf­bau ­bild­lich festge­hal­ten. Die meisten Werke entstanden bald nach ­Kriegs­ende, allerdings waren die Zerstö­run­gen im Stadtbild noch Jahre später sichtbar. Wilhelm Schnar­ren­ber­ger, der zahlrei­che ­Mo­tive aus der Nachkriegs­zeit in der Fächer­stadt gestaltete, malte 1952 den Karlsruher Bahnhof im frühen Morgen­licht: Der Bild­aus­schnitt zeigt die sich weit in die Tiefe erstre­ckende, fast menschen­leere Bahnsteig­halle mit der beschä­dig­ten Ei­sen­kon­struk­tion des Schutz­da­ches, die sich wie filigra­nes ­Git­ter­werk gegen den kaltblauen, winter­li­chen Himmel ab­hebt.

Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die 1944 im Bom­ben­ha­gel zerstörte und in der Zwischen­zeit notdürf­tig her­ge­rich­tete Karlsruher Kunst­aka­de­mie wieder eröffnet werden. Zu den Lehrern der ersten Stunde zählten 1947 die vom NS-Regime ­ent­las­se­nen Profes­so­ren Hubbuch und Schnar­ren­ber­ger, im selben Jahr wurde zudem Otto Laible berufen. 1949 übernahm Erich He­ckel, der überra­gende Altmeister des deutschen ­Ex­pres­sio­nis­mus, ein Lehramt, gefolgt von Walter Becker, der seit 1951 an der Akademie unter­rich­tete. Im offenen Licht­hof wer­den sie alle mit charak­te­ris­ti­schen Werken der Nachkriegs­zeit vor­ge­stellt. So ist Schnar­ren­ber­gers 1945 reali­sier­tes ­Still­le­ben "Glas auf rotka­rier­ter Decke" ein vortreff­li­ches ­Be­spiel für seine licht­er­füllte, an Manet und Bonnard geschul­te ­Ma­le­rei jener Jahre. Laibles "Spanische Veranda" von 1952 ­zeich­net sich hingegen durch Betonung der Flächig­keit, Verzicht auf perspek­ti­vi­sche Mittel und ornamental verein­fachte Formen aus. Erich Heckel ist unter anderem mit einem ernst und kon­zen­triert wirkenden Selbst­bild­nis vertreten, entstanden in jenem Jahr, als er seine Lehrtä­tig­keit in Karlsruhe aufnahm. Einzig die unruhigen Zacken­li­nien des Hinter­grunds wirken wie eine Reminis­zenz an die expres­sio­nis­ti­schen Anfänge des Künst­lers.

Als Heckel die Akademie 1955 verließ, trat der zuvor an der B­ern­stein­schule bei Sulz am Neckar tätige HAP Grieshaber seine Nach­folge an. Bald zeigte sich, dass die Berufung des ungemein ­pro­duk­ti­ven Holzschnei­ders eine wichtige Zäsur und einen ent­schei­den­den Aufbruch in der künst­le­ri­schen Entwick­lung an der Karls­ru­her Kunst­hoch­schule bedeutete. Oberster Grundsatz seiner un­kon­ven­tio­nel­len Lehre war die indivi­du­elle Entfaltung von Krea­ti­vi­tät und Experi­men­tier­freude ohne Einschrän­kung der künst­le­ri­schen Freiheit. Zugleich vermit­telte er rich­tungs­wei­sende Impulse, indem er seine Studie­ren­den für die A­vant­garde in Paris und New York begeis­terte. Mit Horst Antes, Hans Baschang, Walter Stöhrer oder Heinz Schanz bildete sich um Gries­ha­ber eine Gruppe heraus, die einen eigenen Weg zwischen Ab­strak­tion und Figuration beschritt. Mit der von ihnen ­be­grün­de­ten Neuen Figuration - signi­fi­kante Exponate vorwie­gen­d aus den Jahren 1959/60 sind im Lichthof zu sehen - war eine in­ten­sive Ausein­an­der­set­zung mit dem Informel verbunden, zugleich aber auch die partielle Abwendung von der freien ­ge­s­ti­schen Malerei. An der Etablie­rung dieser Richtung hatten ­nicht zuletzt der Bildhauer Wilhelm Loth sowie der Maler und Gra­fi­ker Herbert Kitzel, beide seit den späten 1950er-Jahren Pro­fes­so­ren an der Karlsruher Kunst­aka­de­mie, entschei­den­den An­teil.

Auch in der regionalen Kunstszene der Fächer­stadt außerhalb der Aka­de­mie entfaltete sich in den Nachkriegs­jah­ren ein fa­cet­ten­rei­ches Spektrum. Nur wenige Maler und Grafiker - beispiels­weise Heinz Barth, Wladimir von Zabotin oder Willi ­Mül­ler-Hufschmid, der 1953 den Kunstpreis der Stadt Karls­ru­he er­hielt und 1959 als erster Karlsruher Künstler an der documen­ta in Kassel teilnahm - vollzogen den Schritt in die Abstrak­tion. Vorherr­schend blieb vielmehr die Ausein­an­der­set­zung mit der am Ge­gen­stand orien­tier­ten Moderne im ersten Drittel des 20. Jahr­hun­derts. Getrennt nach den Medien Malerei bzw. Arbeiten auf Papier und gegliedert in die Themen­kreise Stillleben, Land­schaft, Figuren­bild und Porträt werden die Exponate dieser ­Ab­tei­lun­gen überwie­gend in den Unterzügen des Licht­hofs ­prä­sen­tiert. Hier lassen sich viele gleicher­ma­ßen unerwar­te­te wie spannende Entde­ckun­gen machen: Ausge­stellt sind ­bei­spiels­weise bislang unbekannte Porträt-feder­zeich­nun­gen von Walter Stöhrer aus der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre, die noch vor seiner Hinwendung zur Neuen Figuration entstanden sein ­müs­sen. Beein­dru­ckend ist auch die radikale Verflä­chi­gung der Formen in einem Frühwerk von Fritz Klemm. Der Künstler begann erst im Jahr zuvor mit der Malerei - sein "Still­le­ben (­Dop­pel­tisch mit Schale)" von 1952 zählt zu den seltenen Werken aus jener Zeit.

Betei­ligte Künst­le­rin­nen und Künstler

Horst Antes, Klaus Arnold, Wilhelm Baier-Burcardo, Heinz Barth, Ludwig Barth, Bernhard Becker, Walter Becker, Otto Birg, Karl ­Brut­zer, Walter Büchel, Eberhard Dänzer, Franz Dewald, Carl Egler, Max Eichin, Hans Martin Erhardt, Ernst Feuerstein, Otto ­Grae­ber, Hans Graef, HAP Grieshaber, Fritz Haefe­lin­ger, Erich He­ckel, Walter Herzger, Mathias Hess, Karl Hubbuch, Herber­t Kit­zel, Willy Kiwitz, Fritz Klemm, Heinrich Klumbies, Werner ­Korn­has, Martha Kropp, Willi Kümpel, August Kutterer, Otto Lai­ble, Helmut Lechner, Hans Lopatta, Eva Lützen­kir­chen, Paul Maier-Pfau, Wilhelm Martin, Helmut Meyer-Weingarten, Willi ­Mül­ler-Hufschmid, Karl Oertel, Wilfried Otto, Lothar Quinte, Adolf Rentschler, Walter Riederer, Albert Rieger, Walter Ross­wag, Heinz Schanz, Anneliese Schemmel, Wilhel­m Schnar­ren­ber­ger, Albert Schneller, Erwin Spuler, Walter Stöhrer, Hanfried Streit, Richard Trautmann, Emil Wachter, Else Win­ne­wis­ser, Wladimir von Zabotin

 

Wilhelm Baier-Burcardo

Wilhelm Baier-Burcardo, Zwei Figurinen, um 1952, Städtische Galerie Karlsruhe

 

Heinz Barth

Heinz Barth, Mädchen, 1955, Stadt Karlsruhe, Ortsverwaltung Wettersbach

 

Fritz Klemm

Fritz Klemm, Stilleben (Doppeltisch mit Schale), 1952, Städtische Galerie Karlsruhe

 

Winnewisser

Else Winnewisser, Vegetatives II, 1959, Städtische Galerie Karlsruhe

 

Kiwitz

Willy Kiwitz, Stillleben mit Krug, Ordnung, 1948-1952, Städtische Galerie Karlsruhe