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Karlsruhe: Städtische Galerie

Blickkontakt

Gesichter einer Sammlung

28. Juli 2018 bis 20. Januar 2019

Das Porträt gilt als Ursprung der bildenden Kunst: Alles soll, so wird überlie­fert, mit dem Nachzeich­nen und Nachfor­men frem­der und eigener Schatten begonnen haben. Bis heute hat die tra­di­ti­ons­rei­che Gattung nichts von ihrer Faszi­na­tion und Ak­tua­li­tät verloren, gilt das mensch­li­che Gesicht doch - wie es der berühmte Philosoph und Natur­for­scher Georg Christo­ph ­Lich­ten­berg im 18. Jahrhun­dert formu­lierte - als "die un­ter­hal­tendste Fläche auf der Erde". Wie recht er hatte, belegt die neue Ausstel­lung "Blick­kon­takt. Gesichter einer Sammlung" in der Städti­schen Galerie Karlsruhe. Sie zeigt mit rund 140 Ge­mäl­den und Grafiken einen Querschnitt aus dem umfang­rei­chen ­Por­trät­be­stand des Museums. Die Exponate stammen aus dem Zeit­raum von 1850 bis zur Gegenwart und führen eindrucks­voll vor Augen, dass die überlie­fer­ten Funktionen des Bildnisses und die zen­tra­len Fragen nach Identität, Indivi­dua­li­tät und Wieder-erkenn­bar­keit nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Deutlich wird aber auch, dass gewandelte Bedin­gun­gen ­künst­le­ri­scher Produktion und ein im 20. Jahrhun­dert radikal re­vo­lu­tio­nier­tes Menschen­bild zugleich ganz neue ­Por­trätauf­fas­sun­gen etabliert haben.

In der Reihe der Sammlungs­aus­stel­lun­gen in der Städti­schen ­Ga­le­rie Karlsruhe, die sich jedes Jahr einem anderen Thema ­wid­men und ausschließ­lich Werke aus dem eigenen Besitz und aus der renom­mier­ten Kollektion des Kölner Ehepaares Ute und E­ber­hard Garnatz zeigen, standen in früheren Jahren ­bei­spiels­weise die Karlsruher Realisten oder die Gattun­gen ­Fo­to­gra­fie bzw. Skulptur im Mittel­punkt. Nun richtet sich der Focus auf die Porträt­kunst in Malerei und Grafik. Chrono­lo­gisch und thematisch gegliedert, gibt der Rundgang durch die Aus­stel­lung nicht nur einen breit­ge­fä­cher­ten Überblick über die Viel­falt an künst­le­ri­schen Bildnissen aus andert­halb Jahr­hun­der­ten, er macht auch aufmerksam auf die Eigen­hei­ten ei­ner über einen langen Zeitraum gewach­se­nen Sammlung, die sich aus unter­schied­lichs­ten Quellen speist. So bietet die Schau die Ge­le­gen­heit, bislang selten oder noch nie gezeigte Werke aus dem Besitz der Galerie zu entdecken.

Diese Aspekte verdeut­licht die spezi­fi­sche Präsen­ta­tion der Ex­po­nate im offenen Lichthof und in einem Teil der Unterzüge: Einer­seits ist die Mehrzahl der Bildnisse in Art der "­Pe­ters­bur­ger Hängung" in dichtem Abstand an der Wand neben- und über­ein­an­der versammelt, anderer­seits wurden ausge­wählte Werke aus dem Ensemble

heraus­ge­nom­men und ihr Platz durch eine schlichte "Rahmen­leis­te" als leere Stelle markiert. Auf den jeweils gegen­über­lie­gen­den Wän­den werden diese separier­ten Porträts prominent präsen­tiert. Dadurch ziehen sie stärker als die eng gereihten Bilder die Blicke auf sich und laden zum intensiven Betrachten ein. Die un­ge­wöhn­li­che Insze­nie­rung macht ganz unmit­tel­bar augen­fäl­lig, dass sich das Sammeln nicht allein im Zusam­men­tra­gen und Auf­be­wah­ren von Kunst­wer­ken erschöpft, sondern auch Sichten, Auswählen und Ordnen, Werten und Katego­ri­sie­ren bedeutet.

Den Auftakt der Ausstel­lung bildet eine Gegen­über­stel­lung von hö­fi­schen und bürger­li­chen Porträts aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts. In der langen Tradition des höfischen ­Bild­nis­ses kristal­li­sier­ten sich unter­schied­li­che Attribute und Herr­schafts­in­si­gnien heraus, die diese Gattung prägen. Das Por­trät Kaiser Wilhelms II., eine Kopie Theodor Denglers nach ­Fer­di­nand Keller, zeigt den Darge­stell­ten überle­bens­groß in pracht­vol­ler Uniform vor seinem Thron stehend und demons­trier­t auf diese Weise nachdrück­lich seinen Macht­an­spruch. Demge­gen­über­ ­über­wie­gen bei den bürger­li­chen, etwa zeitgleich entstan­de­nen ­Por­träts eher Brust­bil­der mit neutralem Hinter­grund, die sich auf die Wiedergabe der indivi­du­el­len Gesichts­züge konzen­trie­ren. Aller­dings verschärfte sich das Konkur­renz­ver­hält­nis zwischen ­Ma­le­rei und Fotografie seit Ende des 19. Jahrhun­derts zusehends - mit dem Ergebnis, dass sich die Porträt­ma­le­rei vom Postu­lat ­mi­me­ti­scher Nachbil­dung mehr und mehr emanzi­pie­ren konnte.

Die Porträt­ge­mälde der 1920er-Jahre zeigen eine überra­schen­de Viel­falt an künst­le­ri­schen Stilen. Neben veris­ti­schen und neu­sach­li­chen Werken von Karl Hubbuch und Georg Scholz oder dem rea­lis­tisch-expres­si­ven Gruppen­bild­nis "Die Alten" von Gretel ­Haas-Gerber dominieren hier vor allem unter­schied­li­che ­Spiel­ar­ten des Nachim­pres­sio­nis­mus mit lockerem Duktus und sub­ti­ler Farbgebung, wie die Selbst­por­träts von Otto Laible und Gustav Wolf oder die Bildnisse von Martha Kropp und Oskar Ha­ge­mann beispiel­haft belegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich zunächst die Abstrak­tion als Kunst­spra­che der westlichen Welt durch. Doch bereits in den 1960er-Jahren gewinnt die Gattung Porträt unter völlig ­ver­än­der­ten Vorzeichen neue Aktualität. Von der Pop Art be­ein­flusst sind Gerhard Richters frühe "Foto­bil­der", in denen er fotogra­fi­sche Vorlagen in Malerei überführte. Ein cha­rak­te­ris­ti­sches Beispiel und zugleich eines der selte­nen ­Auf­trags­por­träts von Richter ist das Bildnis Johannes Wasmuth aus dem Jahr 1966, das den Galeristen, Sammler und Mitbe­grün­der ­des Kunst­bahn­hofs Rolandseck in verwisch­ten Grautönen und ma­le­ri­scher Unschärfe vor der Ansicht des klassi­zis­ti­schen ­Bau­werks wiedergibt.

Von der Fotografie und besonders vom Film inspiriert ist die Bild­welt des Malers Friedemann Hahn, der sich schon früh zum be­geis­ter­ten Filmlieb­ha­ber entwi­ckelte. Sein Gemäl­de "­Glücks­kin­der" von 1980, ausgewählt als Plakat­mo­tiv der Aus­stel­lung, greift ein Standfoto aus der gleich­na­mi­gen, 1936 ­ge­dreh­ten Komödie auf, in der Lilian Harvey und Willy Fritsch ­zum damaligen Traumpaar des deutschen Films avancier­ten.

Das Selbst­bild­nis, das im Gegensatz zum konven­tio­nel­len ­Auf­trags­por­trät schon immer größere künst­le­ri­sche Freihei­ten er­öff­nete und daher in der gesamten Entwick­lung der Porträt­kunst­ eine wegwei­sende Rolle spielt, nimmt in der Ausstel­lung breiten Raum ein. Es gibt nicht nur Auskunft über einzel­ne Le­bens­sta­tio­nen des Künstlers, über sein Ansehen innerhalb der ge­sell­schaft­li­chen Hierarchie und über sein eigenes ­Selbst­ver­ständ­nis, sondern kann auch als Gradmesser für in­no­va­tive Strömungen angesehen werden.

Künstler und Künst­le­rin­nen

Stephan Balkenhol | Georg Baselitz | Thomas Bayrle | Alexan­dra von Berckholtz | Gertrud Billmaier | Matthias Bitzer | Jürgen ­Brod­wolf | Peter Burger | Hans Canon | Candace Carter | Walter ­Conz | Reinhard Daßler | Theodor Dengler | Willi Egler | Max Eichin | Doris Eilers | Theodor Esser | Friedrich Fehr | Michael ­Fer­wag­ner | Emil Firnrohr | Hildegard Fuhrer | Fritz Genkinger | Wolfgang Göhner | Helmut Goettl | Otto Graeber | Maria Gratz | HAP Grieshaber | Julius Grünewald | Gretel Haas-Gerber | Oskar Ha­ge­mann | Friedemann Hahn | Albert Haueisen | Erich Heckel | Franz Hein | Ernst Hildebrand | Antonius Höckelmann | Karl Hofer | Carl Hoff d. Ä. | Dora Horn-Zippelius | Karl Hubbuch | Egon Itta | Th. Jacob | Markus Jäger | Herbert Kämper | Tutilo ­Kar­cher | Ferdinand Keller | Herbert Kitzel | Willy Kiwitz | Eugen Knaus | Waltraud Kniss | Käthe Kollwitz | Bodo Kraft | Erich Krause | Martha Kropp | Rainer Küchen­meis­ter | August ­Kut­te­rer | Otto Laible | Robert Liebknecht | Helmut Lingg | Camill Macklot | Wilhelm Martin | Jonathan Meese | Harding Meyer | Willi Müller-Hufschmid | Willi Münch | Edvard Munch | Hanna ­Na­gel | Sigmar Polke | Caspar Ritter | Adolf Ferdi­n­an­d ­Schin­ne­rer | Rudolf Schlichter | Reinhard Klaus Schmitt | Wilhelm Schnar­ren­ber­ger | Georg Scholz | Karl-Heinz Schwind | Moritz von Schwind | Shmuel Shapiro | Carl Sohn | Hermann ­Sprauer | Erwin Spuler | Curt Stenvert | Walter Stöhrer | Hans Thoma | Wilhelm Trübner | Timm Ulrichs | Simone Vögele | Wilhel­m Volz | Emil Rudolf Weiss | Anton von Werner | Gustav Wolf | Ernst Würten­ber­ger | Wladimir von Zabotin


Begleit­ver­an­stal­tung

Donners­tag, 20. September 2018, 19.30 Uhr

Poetry Slam

Poetry Slam in der Ausstel­lung "Blick­kon­takt. Gesichter einer ­Samm­lung": Sechs erfolg­rei­che Slam-Poetinnen und -Poeten treten mit kurzen Beiträgen gegen­ein­an­der an. Das Publikum in der Städ­ti­schen Galerie Karlsruhe kann dabei nicht nur zuhören und zu­schauen, sondern darf selbst mit abstimmen, welcher der Auf­tre­ten­den überzeugt und den Slam für sich entschei­den kann.

Eine Veran­stal­tung in Koope­ra­tion mit dem KOHI Kulturraum e.V.

 

Carl Hoff: Bildnis der Tochter Emmy, um 1885, Städtische Galerie Karlsruhe

Carl Hoff: Bildnis der Tochter Emmy, um 1885, Städtische Galerie Karlsruhe


Wladimir von Zabotin: Porträt Rösli Weidmann mit blauem Hut, 1915/16, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Pelz

Wladimir von Zabotin: Porträt Rösli Weidmann mit blauem Hut, 1915/16, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Pelz


Karl Hubbuch: Lissy im Café, 1930/32, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Plez. © Karl Hubbuch Stiftung Freiburg

Karl Hubbuch: Lissy im Café, 1930/32, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Plez. © Karl Hubbuch Stiftung Freiburg


Gerhard Richter: Porträt Johannes Wasmuth, 1966, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Pelz

Gerhard Richter: Porträt Johannes Wasmuth, 1966, Städtische Galerie Karlsruhe. Foto: Heinz Pelz


Friedemann Hahn: Lilian Harvey und Willy Fritsch in 'Glückskinder', 1980. Städtische Galerie Karlsruhe

Friedemann Hahn: Lilian Harvey und Willy Fritsch in 'Glückskinder', 1980. Städtische Galerie Karlsruhe


Timm Ulrichs: Porträt mit Messerwerfer, 1978/91, Städtische Galerie Karlsruhe. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Timm Ulrichs: Porträt mit Messerwerfer, 1978/91, Städtische Galerie Karlsruhe. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.