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Karlsruhe: Städtische Galerie

bildschön. Schönheitskult in der aktuellen Kunst

21. März bis 7. Juni 2009

"Spieglein, Spieglein an der Wand" - so befragt der Mensch seit jeher kritisch sein Spiegel­bild. Gesicht und Körper werden gepflegt, geformt, bearbeitet und dem aktuellen Schön­heits­ideal angepasst. Zwar sind Schön­heits­pfle­ge und Körperkult keine Erfin­dun­gen unserer Zeit, jedoch haben sich die Möglich­kei­ten der Verän­de­rung inzwi­schen radikal perfek­tio­niert. Nach Bedarf wird aufge­pols­tert oder abgesaugt, einge­spritzt oder glatt gezogen, die Schön­heits­chir­ur­gie lässt mittler­wei­le nahezu keine Wünsche unerfüllt. Noch nie war der Traum von ewiger Jugend in so greifbare Nähe gerückt. Parallel dazu hat der gesell­schaft­li­che Druck, den eigenen Körper zu insze­nie­ren, enorm zugenommen.

Auch in der bildenden Kunst galt die Schönheit durch alle Jahrhun­derte als das höchste Gut, war Faszi­na­tion und Anregung schlecht­hin. Welche Bedeutung kommt diesem Thema, das den heutigen Menschen derart einnimmt und das gleich­zei­tig so stark mit Emotionen belegt ist, in der zeitge­nös­si­schen Kunst zu? Was sich hinter dem allge­gen­wär­ti­gen Bedürfnis nach Schönheit und dem Streben nach Makel­lo­sig­keit verbirgt, welche Projek­tio­nen und Sehnsüchte damit verbunden sind, thema­ti­siert die Ausstel­lung mit einer Vielzahl an aktuellen künst­le­ri­schen Positionen in den Medien Malerei, Fotografie, Plastik, Instal­la­tion und Video.

Mythen, Klischees und Rollen­bil­der stehen immer wieder im Mittel­punkt künst­le­ri­schen Arbeitens. Mit seiner Plastik "Venus von Offenburg" verweist Ottmar Hörl auf das klassische Schön­heits­ideal. Doch die Propor­tio­nen der antiken Göttin der Schönheit und der Liebe entspre­chen nicht dem derzeit vorherr­schen­den Ideal, zudem stellt die serielle Herstel­lung der in Kunststoff gefer­tig­ten Figur ihre Einma­lig­keit in Frage. VALIE EXPORT überprüft in ihrer Fotoarbeit "Liebes­per­len", ob sich die Anmut der drei Grazien auch dann noch mitteilt, wenn sie Kittel­schür­zen tragen, das typische Kleidungs­stück der Hausfrau der 1950er und 1960er Jahre. In ihren fotogra­fi­schen Insze­nie­run­gen widersetzt sich Cindy Sherman dem gängigen Schön­heits­ka­non und irritiert die Sehge­wohn­hei­ten des Betrach­ters. Auch Marlene Dumas wendet sich gegen das Glatte und Normierte. Ungeschönt stellt sie in ihrer 217-teiligen Porträt­se­rie "Female" die Persön­lich­keit der darge­stell­ten Frauen, ihr Gezeich­netsein durch die Mühen und Zwänge des Alltags, in den Vorder­grund. Natür­lich­keit und Indivi­dua­li­tät thema­ti­siert hingegen Marie-Jo Lafontaine, wenn sie Jugend­li­che aus verschie­de­nen Kulturen und Ländern großfor­ma­tig ins Bild setzt.

Die Welt der Mode und ihr ständiger Wandel bietet der Sehnsucht nach Verän­de­rung und Neuer­fin­dung Raum. Mit der ernüch­tern­den Realität, wie sie sich backstage bei Modeschauen zeigt, setzen sich Nan Goldin und Immo Klink in ihren Fotogra­fien ausein­an­der. Keti Kapanadze widmet sich der Kunstfigur "Barbie". Diese Puppe trägt seit 1959, stets den herrschen­den Normen angepasst, Schönheit und Glamour bereits in die Kinder­zim­mer.

Die Werbung lockt und verführt mit Ideal­bil­dern, suggeriert, was erstre­bens­wert sei und zeigt Mittel und Wege dorthin. Die Labels der Designer sind allge­gen­wär­tig und garan­tie­ren sozialen Status. Daniele Buetti macht dies zum Thema seiner Kunstwerke, indem er Models mit den Schrift­zü­gen der großen Modemar­ken regelrecht brandmarkt. Immer wieder stehen dem gängigen Schön­heits­ideal auch konträre Auffas­sun­gen gegenüber. So überwu­chern eigen­wil­lige, phantas­ti­sche Tätowie­run­gen von persön­li­cher Bedeutung die Figuren, die Tinka Stock aus Knetma­te­rial gestaltet. Dem Streben nach Schönheit und Jugend antwortet Ilona Herreiner mit Ironie und Witz. Ihre Skulpturen aus Holz zeigen drei alte Frauen, die sich selbst­be­wusst ihrer Vergäng­lich­keit stellen.

Schönsein steht immer auch für Freude und Lust. Spiele­risch und ironisch geht Gabriela Oberkofler damit um, wenn sie den Besuchern ihres Nagel­stu­dios Inkunabeln der Kunst­ge­schichte auf den Finger­na­gel bannt. Eine mit allen Sinnen erfahrbare Entspan­nung stellt sich unmit­tel­bar beim Betreten von Sonja Alhäusers "Schön­heits­ka­bi­ne" ein: Sich zu pflegen fördert das seelische und körper­li­che Wohlbe­fin­den - genießen Sie selbst!


Folgende Künst­le­rin­nen und Künstler sind mit Werken in der Ausstel­lung vertreten:
Marina Abramovic' | Sandra Ackermann | Sonja Alhäuser | Julie Allen | Nina Lola Bachhuber | Heike Kati Barath | Vanessa Beecroft | Daniele Buetti | Marlene Dumas | VALIE EXPORT | Hans-Peter Feldmann | Gelitin | Patrycja German | Nan Goldin | Isabell Heimer­din­ger | Ilona Herreiner | Ottmar Hörl | Keti Kapanadze | Immo Klink | Stephanie Kramer | Marie-Jo Lafontaine | Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin | Josephine Meckseper | Harding Meyer | Gabriela Oberkofler | ORLAN | Martin von Ostrowski | Bernhard Prinz | Pipilotti Rist | Giovanni Rizzoli | Corinna Schnitt | Marina Schulze | Cindy Sherman | Tinka Stock | Caro Suerkemper | Ivonne Thein | Rosemarie Trockel


Katalog:
Zur Ausstel­lung liegt ein Katalog vor (Preis an der Museums­kasse: 9,80 Euro).
 

Cindy Sherman, Untitled, 2000, Farbfotografie, Courtesy Sprüth Magers, Berlin/London, © Cindy Sherman