Die Stadtgründung
Karlsruher Stadtansicht,
Kupferstich von Heinrich Schwarz 1721.
Die neun, wie das Schloss nach Süden ausgerichteten Alleen bildeten zunächst das Stadtgebiet und ergaben so den viel bestaunten Fächerplan mit seinem fließenden Übergang zur Natur. Die übrigen Alleen erschlossen das Jagdgebiet und endeten in den umliegenden Dörfern der Hardt. Der Grundriss der Stadt und die geplante Höhenabstufung der Bebauung vom dreigeschossigen Schloss zu eingeschossigen Bürgerhäusern gelten als Musterbeispiel einer absolutistischen Stadtgründung, als die reinste Verkörperung des Wesens einer Idealstadt unter den deutschen Residenzen. 1801 rühmte Heinrich von Kleist, die Stadt sei "wie ein Stern gebaut, … klar und lichtvoll wie eine Regel, … als ob ein geordneter Verstand uns anspräche."
Der Markgraf ließ sein neues Residenzschloss nur wenige Kilometer von seiner alten Residenz Durlach entfernt erbauen. Nach der Zerstörung von Schloss und Stadt Durlach durch französische Truppen während des pfälzischen Erbfolgekrieges im Jahr 1689 hatte der damalige Markgraf Friedrich Magnus zunächst mit dem Wiederaufbau des Schlosses in Durlach begonnen. In Zeiten wirtschaftlicher Not und des Spanischen Erbfolgekrieges kam er aber nur langsam voran. Zudem verweigerten die Durlacher Bürger sich weit reichenden Schloss- und Stadterweiterungsplänen und die Lage der alten Residenz zwischen Bergrand und sumpfigem Gelände beengte des barocken Fürsten Leidenschaft für die Jagd und die Gärtnerei. Seinem Nachfolger Markgraf Karl Wilhelm schwebte zudem ein Schloss im Stile von Versailles vor, das der Sonnenkönig Ludwig XIV. kurz zuvor hatte bauen lasen. Auch Markgraf Karl Wilhelm war dem absolutistischen Selbstverständnis verpflichtet, das sich im Schloss und in der Stadt widerspiegeln sollte.
Karlsruhe im 18. Jahrhundert
Dank großzügiger Aufnahmebedingungen für Neubürger wuchs die Stadt zunächst zufriedenstellend, 1719 waren es fast 2.000 Einwohner. Verbrieft wurden erstmals in einer Residenzstadt Freiheit zur Ausübung aller im Reich tolerierten Religionen, darüber hinaus Freiheit von Leibeigenschaft und Frondiensten, ein Bauplatz nebst Baumaterial, Steuerfreiheiten, eine bürgerliche Gerichtsbarkeit sowie ein Anhörungs- und Vorschlagsrecht für alle Bürger. Weniger weit reichende Privilegien hat es zu dieser Zeit auch in anderen Städten gegeben, aber kein Privilegienbrief war bisher mit solcher Publizität verbreitet worden. Als Druckschrift fand er Verbreitung außerhalb Badens und erschien auch in französischen Zeitungen. Die Neubürger kamen denn auch zu 50 % aus Orten mit mehr als 100 km Entfernung, 18 % stammten von außerhalb des Reiches, vor allem aus Frankreich, der Schweiz, aber auch aus Italien und Polen.
Schloss, Gartenansicht, 1783.
Von der markgräflichen Residenz zur Großherzoglich-badischen Haupt- und Residenzstadt
Zudem konnte Karlsruhe als Residenzstadt von den verschiedenen badischen Gebietserweiterungen unter Karl Friedrich profitieren. 1771 wurden die beiden badischen markgräflichen Lande nach dem Tode des Markgrafen August Georg von Baden-Baden erstmals seit 1535 wieder vereinigt. Einen erneuten Aufschwung nahm die Stadt nach dem Aufstieg der Markgrafschaft zum Kurfürstentum (1803) bzw. zum Großherzogtum (1806) und den damit verbundenen enormen Landgewinnen: Baden hatte zunächst als Verbündeter Napoleons sein Territorium vervierfacht. Nach dem rechtzeitigen Überwechseln in das Lager der Gegner Napoleons wurden diese Gewinne auf dem Wiener Kongress 1815 bestätigt. Die Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt auf über 15000 angewachsen.
Der Aufstieg des Landes spiegelte sich in der Stadt wieder: Bereits in den 1770/80er Jahren war der Neubau des Schlosses auf den alten Grundmauern abgeschlossen und Planungen zur Stadterweiterungen erörtert worden. Mit dem Karlsruher Zimmermannssohn Friedrich Weinbrenner fand Karl Friedrich den Baumeister, der seiner Residenz ab 1801 das klassizistische Gepräge gab. Hatte der Gründer der Stadt den Fächergrundriss geplant, so schuf Weinbrenner die bis heute das Bild der Stadt bestimmende Mittelachse vom Schloss über den Markt- und Rondellplatz zum Ettlinger Tor. Sie ist gesäumt von seinen Bauten, u. a. dem Rathaus und der evangelischen Stadtkirche. Über der Gruft des Stadtgründers errichtete er auf dem Marktplatz die Pyramide als Grabmal, das zum Karlsruher Wahrzeichen wurde. Weinbrenners Marktplatz gilt heute noch als "Lehrstück urbaner Raumgestaltung", "als eine der feinsten Leistungen städtebaulicher Kunst".
Das 1822 eingeweihte Ständehaus.
Bildung und Kultur
Dem kunstsinnigen badischen Fürstenhaus und dessen Ziel der repräsentativen Ausstattung seiner Residenz auch als kulturelles Zentrum des Landes verdankt die Stadt ihre traditionellen, großen Einrichtungen für Kunst und Kultur. Sie haben ihren hohen Rang bis heute erhalten können und bilden die Grundlagen für die kulturelle Breite und Vielfalt Karlsruhes. Das Hoftheater (seit 1808) erlebte ab 1853 im neuen Haus seine glanzvollste Epoche, und die Stadt genoss den Ruf eines "Klein Bayreuth". Die seit 1806 zugängliche Kunstsammlung erhielt 1846 einen repräsentativen, später erweiterten Neubau. Sie besitzt heute eine der bedeutendsten Sammlungen alter Meister. 1873 wurde das Sammlungsgebäude (Bibliothek, Sammlung für Altertums- und Völkerkunde, Naturalien- und Münzkabinett) eröffnet. Seit 1818 besteht der zweitälteste deutsche Kunstverein, dessen Gründung von dem sich formierenden Bürgertum ausging.
Das Gebäude der Polytechnischen Schule an der Langen Straße.
Ansicht von Karlsruhe 1897. Im Hintergrund rauchende Schornsteine.
Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Drittes Reich
Die Entwicklung Karlsruhes zur Industriestadt mit Schwerpunkt in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau wurde nach dem Ersten Weltkrieg abrupt unterbrochen. Der Verlust des Hofes nach der Abdankung des letzten Großherzogs 1918 spielte aber inzwischen keine Rolle mehr. Karlsruhe hatte sich von der Abhängigkeit vom Hof gelöst, welche die ersten 150 Jahre seiner Entwicklung geprägt hatten. Es blieb auch unverändert Landeshauptstadt mit dem gesamten Verwaltungsapparat und den zentralen Einrichtungen. Die großherzoglichen Kulturinstitutionen führte der Freistaat Baden fort.
Quäkerspeisung in einer Karlsruher Schule, Foto Anfang der 1920er Jahre.
Allerdings lag Karlsruhe nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages in der entmilitarisierten Zone. Dadurch ging die Garnison als ökonomischer Faktor verloren. Entscheidender war aber, dass Elsass-Lothringen wieder an Frankreich fiel, wodurch die Karlsruher Industrie ein wichtiges Absatzgebiet verlor. Zudem traf die vorübergehende Unterbrechung der Auslandsbeziehungen die exportorientierte Maschinenindustrie besonders hart. Die Umstellung von der nicht unbedeutenden Rüstungs- auf Friedensproduktion führte zu einer hohen Labilität im Karlsruher Wirtschaftsleben. Der Industriestandort Karlsruhe im Schatten der Grenze zu Frankreich war für Investoren nicht attraktiv.
Dennoch wuchs die Stadt kontinuierlich weiter: 1933 hatte sie knapp 155.000 Einwohner. Bis zu diesem Zeitpunkt waren auch zahlreiche Nachbarorte nach Karlsruhe eingemeindet worden und hatten wesentlich zum Wachstum der Stadt beigetragen, darunter als erste 1886 die Nachbarstadt Mühlburg, als letzte das Dorf Bulach im Jahr 1929. Damit bekam Karlsruhe neben einer ansehnlichen Anzahl neuer Einwohner vor allem das dringend benötigte Areal zur Ausdehnung der Stadt.
Politisch war aus der im Kaiserreich noch weitgehend nationalliberal dominierten badischen Landeshauptstadt zunächst eine Stadt geworden, in der die Weimarer Koalition aus SPD, Deutscher Demokratischer Partei und Zentrum die Richtung vorgab. Bis heute nachwirkende Planungen und Projekte wie der Generalbebauungsplan von 1926 oder der Bau von neuen Wohnsiedlungen, darunter mit der Dammerstocksiedlung ein Beleg für die Öffnung zum Neuen Bauen, wurden trotz schwieriger finanzieller Lage auf den Weg gebracht. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise stieg die Zahl der NSDAP-Wähler und Wählerinnen so rapide an, dass die Nationalsozialisten schon 1930 zur stärksten politischen Kraft wurden.
Obwohl der Sprung über die 50-Prozent-Hürde auch hier nicht gelang, schaltete die NSDAP nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler rasch die politischen Gegner aus und die Verwaltung und Öffentlichkeit im neuen Führerstaat gleich. Aus der badischen Landeshauptstadt wurde die Gauhauptstadt Karlsruhe, in der nun nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen mit Beteiligung der regionalen und häufig auch der deutschen Parteiprominenz zum Alltag gehörten.
Blick vom Rathausturm im Jahre 1945. Foto: Erich Bauer.
Wie für Deutschland insgesamt hatte die nationalsozialistische Machtübernahme für die Stadt katastrophale Folgen. Der jüdische Bevölkerungsteil wurde entweder aus der Stadt vertrieben oder aber seit 1940 deportiert und schließlich umgebracht, die Stadt in dem von Deutschland begonnen Zweiten Weltkrieg zu einem großen Teil zerstört. Zu den Folgen des Zweiten Weltkrieges gehörte darüber hinaus der Verlust der Hauptstadtfunktion. Die quer durch Baden verlaufende Grenze der Besatzungszonen rückte Karlsruhe nicht nur geographisch in einen "toten Winkel". Die Erhaltung der Zentralität der Stadt bei den Verwaltungsdienstleistungen für ganz Nord- und Mittelbaden mit zahlreichen Institutionen des Landes und des Bundes verhinderte aber das Absinken Karlsruhes zur unbedeutenden Provinzstadt. Der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht machten die Stadt zur "Residenz des Rechts". Mit dem Kernforschungszentrum wuchs das in der Technischen Hochschule vorhandene Forschungspotential. Nach der Stagnation der Zwischenkriegszeit nahm die industrielle Entwicklung seit 1946/47 einen Aufschwung, der in der Ansiedlung zweier Ölraffinerien nördlich von Maxau gipfelte. Die europäische Einigung verwandelte zudem den früheren Nachteil der Grenznähe in den Vorteil, im Zentrum europäischer Verkehrswege zu liegen.
Die Fächerstadt Karlsruhe aus der Luft im Jahr 2002. Foto: Bildstelle der Stadt Karlsruhe, Fränkle.
Nach der raschen Trümmerräumung der Innenstadt begann bald nach der Währungsreform ein langanhaltender Bauboom. Der Wiederaufbau ging allmählich in einen Ausbau der Stadt über. Im Stadtinneren konnten die historischen Konturen des Fächergrundrisses und zentraler Weinbrennerbauten erhalten werden, ohne damit die Entwicklung zur modernen Großstadt zu hemmen. An den Stadträndern wuchsen moderne Wohnviertel, etwas außerhalb entstanden Trabantensiedlungen. Das rasche Wachstum der Stadt bis weit in die 1960er Jahre ließ die Frage erneuter Eingemeindungen dringlich werden. Die ehemalige Residenzstadt liegt heute nach den Eingemeindungen der 1970er Jahre in einem Kranz ehemals selbständiger Gemeinden, die zumeist viel älter sind als Karlsruhe.
Der am Ende der 1960er Jahre einsetzende gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel wirkte sich auch in der Kommunalpolitik aus. Statt der "autogerechten Stadt" wurde der "stadtgerechte Verkehr" zur Leitlinie der Verkehrsplanung. An die Stelle des Ausbaus der Stadt trat der innerstädtische Umbau und die Stadterneuerung mit der Sanierung ganzer Stadtviertel wie des "Dörfle", der Konversion ehemaliger Industrieflächen und der Schaffung neuer Grünanlagen. Ziel dieser Maßnahmen war die Steigerung der Lebensqualität in der Stadt, um die Abwanderung besserverdienender Bürger in das Umland zu verhindern.
Der wirtschaftliche Strukturwandel seit den 1980er Jahren brachte auch Karlsruhe einen Verlust von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe und eine Zunahme bei den Dienstleistungen. Die Stadt setzte auf die Chancen der neuen Technologien und richtete die Technologiefabrik als Existenzgründerzentrum ein. Zudem schuf man gemeinsam mit den umliegenden Städten und Landkreisen die TechnologieRegion Karlsruhe zur Stärkung der Region im internationalen Wettbewerb. Natürliches Zentrum der Region ist mit ihrem Arbeitsplatzangebot, ihrem differenzierten Angebot an Ausbildungseinrichtungen und den aus der Zeit der Residenz und Landeshauptstadt erhaltenen kulturellen Institutionen die moderne Großstadt Karlsruhe.
Text: Stadtarchiv Karlsruhe, Dr. Ernst Otto Bräunche / Dr. Manfred Koch
Fotos: Stadtarchiv Karlsruhe
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Stadt Karlsruhe, 24.11.2008 - Impressum