Beiertheim
Ev. Gemeindezentrum Paul Gerhardt
Ehem. Stephanienbad, Breite Straße 49a
Johann Peter Hebel verbreitet 1812 den guten Ruf des
Stephanienbads am Anfang des 19. Jahrhunderts: “Viele Leute
logiren draußen, die das Bad mit gutem Erfolg curmäßig
brauchen … Alle Sonntag ist draußen große Tafel, woran ich
viel Vergnügen finde. ... Hofkavaliere und gemeine Leute,
wer das Geld dazu in der Tasche hat, Männer, Weiber und
Kinder sitzen untereinander. Biß man abgespeist hat sind die
Gallerien und der Tanzsaal angefüllt.”
Das Stephanienbad wurde nach Plänen von Friedrich
Weinbrenner 1809/11 errichtet. Es sollte als Tanz- und
Speiselokal am Rande der Stadt dem “geselligen Beisammensein
der Karlsruher Bürger” dienen. Das klassizistische Konzept
ist deutlich erkennbar in den zwei großen dorischen Säulen,
dem angedeuteten Dreiecksgiebel und den halbkreisförmigen
Lünettenfenstern. Über die Freitreppe und eine Art Altan
betrat man durch eine Vorhalle den geschmackvoll dekorierten
Tanzsaal, dessen Decke bemalt war. Im Obergeschoss befand
sich eine Galerie mit etlichen Zimmern, wo sich das Publikum
in kleineren Gesellschaften Freuden “und jeder Gattung
anständigen Vergnügens widmen” konnte (Theodor Hartleben).
Der (heutige) “Rittersaal” über dem Foyer war ein kleinerer
Tanz- und Speisesaal, wo es im Sommer sonntags eine
“Gesellschaftstafel” mit Aussicht in den großen Saal gab.
Großherzogin Stephanie Beauharnais, Adoptivtocher
Napoleons, Gemahlin von Großherzog Karl, bewilligte dem
Besitzer und Wirt Andreas Marbe, den Namen. Von Juli 1810 an
verkehrte fünfmal täglich vom Ettlinger Tor aus ein
Gesellschaftswagen. Gebadet wurde außerhalb, am Albufer
befanden sich Badekabinette. Das Albwasser galt als heilsam,
der Effekt wurde durch künstliche Anreicherung mit
Mineralien gesteigert. Ein englischer Garten mit der größten
kanadischen Pappel Europas umgab das Gebäude. Mit der Zeit
ging die Bedeutung des Bades zurück. 1827 musste Marbe das
Haus verkaufen, nur die Badeanstalt bewirtschaftete er noch
bis zum Tode 1832. Danach wurde das Haus mehrfach veräußert.
Durch Karl Knust erworben, wurde das Gesellschaftshaus
1880/81 wieder Wirtschaft, beherbergte u.a. eine große
Wäscherei, schließlich wurde es erweitert um das erste
Karlsruher Licht-, Luft- und Sonnenbad, eine Attraktion der
Residenzstadt, aber ein Dorn im Auge der “besseren”
Gesellschaft. Das Aufblühen dauerte nicht lange: Der Neubau
des Hauptbahnhofes hatte wegen der Gleisanlagen eine
Verlegung des Bettes der Alb zur Folge. Ab 1905 war damit
der Badebetrieb unmöglich. Hinter dem Bahndamm versteckt
fristete das Stephanienbad ein kümmerliches Dasein. Nach dem
1. Weltkrieg ging es in den Besitz der Stadt Karlsruhe über.
Der erste evangelische Gottesdienst wurde am 15.1.1899 in
einem Nebensaal der Restauration “Zum Stephanienbad”
gefeiert. Ab 1926 wurde das Gebäude von der Stadt gepachtet
und zum Gemeindehaus der damaligen Melanchthonpfarrei. In
den dreißiger Jahren war das Mietverhältnis mit der Stadt
unsicher: Hitlerjugend und andere NS-Formationen versuchten,
Räume für ihre Zwecke zu bekommen. 1942 wurde der
Schmiederplatz gegen das Gebäude getauscht, wodurch es in
den Besitz der Kirche überging. Im Krieg schwer beschädigt,
wurde es in den Jahren 1950-56 wiederhergestellt und auch
als Kindergarten und Pfarrwohnung genutzt. 1957 wurde die
Paul-Gerhardt-Gemeinde als eigenständige Gemeinde errichtet.
Ab Mitte der 1990er Jahre wurde saniert. Das Motto des
Architekturbüros Ruser + Partner lautete: “Neue Offenheit”.
Zwei wesentliche Eingriffe wurden durchgeführt: Eine
notwendige Rückbesinnung auf die von Weinbrenner ausgeführte
Gebäudestruktur und eine Neuordnung des
Erschließungskonzeptes, um eine bessere Orientierung
innerhalb des Gebäudes zu gewährleisten. Die Zwischenwände
wurden herausgenommen und durch Pfeiler ersetzt.
Der hölzerne Dachstuhl wurde freigelegt, so dass ein
erstaunlich leichter Raumabschluss entstand, gleichsam ein
basilikaler Raum mit einem hohen Mittelschiff, an dessen
Ostseite große Glasfenster mit einer darüberliegenden
halbkreisförmigen Lünette den Raum erhellen. Die niedrigen
“Seitenschiffe” werden durch sechs Fenster mit tiefen
Laibungen ebenfalls angenehm belichtet. Das Gebäude bietet
ein schönes Konzept von Kirche: im Zentrum der
Gottesdienstraum, um den sich die Räume für verschiedenste
Veranstaltungen und Kreise gruppieren.
Text: Pfarrer Hansfrieder Zumkehr