(Blick in die Geschichte Nr. 61 vom 12. Dezember 2003)
Carlsruher Blickpunkte
Zuse Z22. Foto: Landesdenkmalamt
Als erste Ingenieurschule der Bundesrepublik Deutschland installierte die Staatliche Ingenieurschule Karlsruhe, heute Fachhochschule, im Wintersemester 1961/62 eine digitale Rechenanlage. Die Zuse Z22 war 1959 für einen Preis von 300.000 DM zunächst im Landesvermessungsamt Wiesbaden in Betrieb genommen worden und kam dann in Zweitverwendung für 100.000 DM nach Karlsruhe. Die Rechenanlage wurde in das Labor für Regelungstechnik integriert und stand allen Mitgliedern der Ingenieurschule durch das interdisziplinäre Zentrallabor für Regel und Rechentechnik zur Verfügung.
Über viele Jahre hinweg konnten alle Studenten und Mitarbeiter einen Aufbaukurs in der symbolischen Maschinensprache Freiburger Code und der problemorientierten Programmiersprache ALGOL60 belegen. Bis 1972 befand sich die Anlage in regulärem Einsatz. Sie befindet sich heute, mit großer Sachkenntnis gepflegt, in einem ausschließlich der Aufbewahrung, Wartung und Vorführung der Anlage dienenden Raum in der Fachhochschule. Der Computer Zuse Z22 mit der Seriennummer 13 ist der älteste noch voll funktionsfähige und originalgetreu erhaltene Röhrenrechner der Welt. Die mit 415 Elektronenröhren ausgestattete Zuse Rechenanlage befindet sich in einem technisch ausgezeichnet erhaltenen und hervorragend gewarteten Zustand.
Ab 1957 wurde die "elektronische Rechenanlage" Z22 von der Konrad Zuse AG gebaut und 50 mal ins Inland, fünfmal ins Ausland ausgeliefert. In den 50er Jahren begann sich die Öffentlichkeit zunehmend für Computer zu interessieren. Die Zuse KG gehörte zu den nicht gerade zahlreichen Unternehmen, die diese Geräte liefern konnten. Die Situation in den Anfängen kam einer Softwarekrise gleich. Es wurde sehr viel Aufwand in die Entwicklung neuer Rechenmaschinen gesteckt, wohingegen die Software etwas kurz oder spät kam. Die zweite Computergeneration, von der ungefähr mit Erscheinen der Z22 die Rede war, hatte bereits umfangreichere Assemblersprachen und auch erste Hochsprachen Implemetierungen.
Konrad Zuse (1910 1995) ist heute international als Schöpfer des ersten Computers, des Z1, anerkannt, den er 1936 in Berlin baute: 1949 gründete Konrad Zuse die erste Computerfirma der Welt. Die Firma Zuse Apparatebau Berlin konstruierte die Relais Rechner Z3, SI, S2 und Z4 für den militärischen Einsatz. Die Sl wurde für die Berechnung der Flügelkonstruktion von Fliegerbomben eingesetzt. Zuses Auftraggeber waren damals die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL). 1949 gründete Zuse mit seinen Freunden Stucken und Eckhard die Zuse KG. Seine Firma war weltweit der erste Produzent von Rechnern für kommerzielle Auftraggeber. Als einzigen Großauftrag bis 1955 lieferte seine Firma die Z5 zur Berechnung optischer Systeme an die Ernst Leitz GmbH in Wetzlar.
Da sich die westdeutsche Industrie erst im Aufbau befand und Computer noch wenig Interesse fanden, suchte Zuse seine Absatzmärkte im Ausland, zunächst in den USA. Erst ab 1955 erhielt er vermehrt Aufträge aus der Bundesrepublik Deutschland. Seit den 1960er Jahren lieferte er auch in die Tschechoslowakei und die Sowjetunion, weitere Maschinen installierte die Zuse KG in der DDR. Die hohen Entwicklungskosten für die Rechner musste Zuse, anders als z. B. die amerikanische Firma IBM, die staatliche Subventionen erhielt, durch den Verkauf seiner Produkte finanzieren. Die zunehmende Konkurrenz durch IBM, die Vorfinanzierung der Softwareentwicklung und die hohen Vertriebskosten zwangen Zuse 1967 zum Verkauf der Zuse KG an die Siemens AG. Zuse verlies bald danach den Betrieb. 1971 wurde der Firmenname Zuse KG aus dem Handelsregister gelöscht.
Der ab 1958 gebaute Röhrenrechner Z22 wurde vor allem in der Betriebswirtschaft, Bautechnik, Elektrotechnik, Ballistik, Aerodynamik, Optik, Vermessungstechnik, im Maschinen und Kernreaktorbau sowie im Bergbau eingesetzt. Der ab 1960 gebaute Transistorenrechner Z23 fand als Folgemaschine in den gleichen Bereichen Verwendung. Die Z25 wurde im wissenschaftlichen Bereich, aber auch zur Produktionssteuerung, insbesondere in der Textilindustrie, benutzt.
Die Rechenanlage Z22 dokumentiert den technischen Entwicklungsstand in der Bundesrepublik Deutschland der späten 1950er Jahre. Zahlreiche Ingenieure und Absolventen der Fachhochschule haben hier die Grundlagen der Informatik erlernt. In ihrer Funktionstüchtigkeit stellt die Rechenanlage einen lebendigen Bezug zu den spezifischen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und technologischen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit dar. Die Rechenmaschine Z22 besitzt nicht nur als letztes funktionsfähiges Exemplar seiner Baureihe Seltenheitswert, es handelt sich darüber hinaus um den weltweit ältesten werkgetreu erhaltenen rechenfähigen Röhrencomputer. Er wurde im Juni dieses Jahres durch das Regierungspräsidium Karlsruhe in das Denkmalbuch eingetragen.
Dr. Clemens Kieser, Landesdenkmalamt
Stadt Karlsruhe, 02.03.2005 - Impressum