Karlsruhe: Stadtteile
Grötzinger Geschichte
Blick durch den Torbogen auf das Schloss Augustenburg
Rathaus
Die Stele erinnert an die Grötzinger Synagoge und an die Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus
Türmchen Schloss Augustenburg
Wappen an einer Grötzinger Hauswand
Bildquelle: Manfred Müller
Der Ort Grötzingen muß viel älter sein als seine erste
urkundliche Erwähnung im Jahr 991; der Name "Grezzingen"
taucht erstmals im Lagerbuch des Klosters Weißenburg auf.
Dieses belegt auch eine Sozialstruktur, die Grundherren,
zweierlei Hörige und Knechte und Mägde umfaßte. Das leben
der folgenden Jahrhunderte prägte die
Dreifelderwirtschaft und die Abhängigkeit von einem
Landesherren, dem gegenüber man zins- und fronpflichtig
war. Die Dorfherren wechselten jedoch: um 1100 waren es die
die Herren von Hohenberg, die auf dem Turmberg saßen, dazu
kamen die Kloster Gottesaue, Herrenalb und Lichtental und
später die Grafen von Grötzingen, die im 13. Jahrhundert
von den badischen Markgrafen abgelöst wurden. Das bäuerliche
Leben charakterisierte die Dreifelderwirtschaft,
Viehhaltung und der Weinanbau.
Die Besiedlung umliegender Ortschaften wie Hagsfeld und Durlach erfolgte von Grötzingen aus.
Es gibt keine Belege dafür, daß die Grötzinger sich am Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts beteiligten, dennoch ist zu vermuten, dass sie in die Aufstände des Bundschuhs hineingezogen wurden. 1556 wechselte Grötzingen auf Befehl des Landesherrn Markgraf Karl II. von Baden-Durlach zum protestantischen Glauben über. Die mit der Reformation verbundenen Änderungen der Herrschaftsstruktur verlangte von den Dorfbewohnern eine Neuorganisation ihres Zusammenlebens: eine gewisse Eigenständigkeit ermöglichte den Aufbau einer Dorfverwaltung. Um 1600 war Grötzingen ein wohlhabendes Dorf, dessen Felder und Rebberge reiche Ernte brauchten und dessen Höfe und Gebäude von einem geordneten Gemeinwesen berichteten. All dies wurde im 17. Jahrhundert zerstört, der Dreißigjährige Krieg, die Pest und weitere Kriege brachten Grötzingen und seinen Bewohnern Elend und Armut. Die markgräfliche Wirtschaftsförderung bestand aus der Förderung von Gewerbe und den ersten Anfängen der Industrie und der Verbesserung der Landwirtschaft. 1778 wurde eine Krappfabrik in Grötzingen angesiedelt, in der Viehhaltung wurde die Stallfütterung mühsam durchgesetzt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts führte man die Fruchtwechselwirtschaft ein, die die bislang als Weideland genutzte Brache zugunsten der Bebauung mit Klee, Kartoffeln, Dickrüben, Zuckerrüben, Krapp, Raps, Mohn und Tabak abschaffte. Zur Förderung der Wirtschaft gehörte auch die Durchführung von Vieh- und Krämermärkten. Nach der Wende zum 18. Jahrhundert beherbergte die Augustenburg einige Jahrzenhnte lang einen fürstlichen Haushalt, nach dem Tod der Markgräfin Augusta Maria im Jahr 1728 verlor sie ihre Bedeutung als fürstliche Wohnung. Das Verschwinden des Hofes läutete den langsamen wirtschaftlichen und kulturellen Abstieg Grötzingens im 18. Jahrhundert ein. Im Spanischen, im Polnischen und im Österreichischen Erbfolgekrieg wurde der Südwesten Deutschland jedesmal zum Durchmarschgebiet und das Pfinztal zur Heerstraße. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte die Gemeinde einen mühsamen Neuanfang.
Nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg war in Grötzingen eine jüdische Gemeinde entstanden, 1797 lebten dort 23 Erwachsene, 27 Kinder und neun Dienstboten jüdischen Glaubens, 1798 wurde die sehr einfache Synagoge fertiggestellt.
Das 19. Jahrhundert brachte die endgültige Auflösung traditioneller Strukturen, die Emanzipation der Bauern und auch der Juden. 1783 war in Baden die Leibeigenschaft abgeschafft worden, die Kriege gegen das revolutionäre und napoleonische Frankreich brachten neben allem Elend auch einen großen Modernisierungsschub nach Baden. Der moderne Verwaltungsstaat wurde geschaffen, die Abschaffung von Fronen und Zehnten ging mit der Umstellung von Naturalleistungen zur Geldwirtschaft einher. Die Gemeindereform von 1831 brachte eine innergemeindliche Demokratisierung mit sich.
Die große Massenarmut seit Ende der Napoleonischen Kriege resultierte in einer Auswanderungswelle, die seit Mitte der 1840er Jahre viele Grötzinger erfaßte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wanderten über 200 Dorfbewohner aus, die meisten nach Amerika. Im Revolutionsjahr 1849 setzte sich auch die Grötzinger Volkswehr für Demokratie und Freiheit ein.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Grötzingen an das in Deutschland entstehende Eisenbahnnetz angeschlossen. Die neue Mobilität förderte den Wandel vom Bauerndorf zur Arbeiterwohngemeinde, in der die Landwirtschaft nur noch dem Nebenerwerb diente. Die Industrialisierung veränderte das Leben der Dorfbewohner grundlegend, es wurde bürgerlich und städtisch. Kultur- und Sportvereine und Ortsvereine politischer Parteien wurden gegründet. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ändere das Dorfbild sein Äußeres, mit der wachsenden Einwohnerzahl und der Ansiedlung von Industrie wurde die Erschließung neuer Baugebiete notwendig.
Während des Ersten Weltkriegs fielen 153 Grötzinger. Trotz aller politischen Erschütterungen zeichnete sich das dörfliche Leben in den ersten Jahren nach Kriegsende durch Kontinuität aus, die Bevölkerung lebte weiterhin zu 80 % von der Industrie, die Landwirtschaft spielte aber im Alltag immer noch eine Rolle. Im Arbeiterdorf Grötzingen war in der Zeit der Weimarer Republik die Arbeitslosigkeit hoch.
Ende 1929 wurde die Grötzinger Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gegründet, nach der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler hielten Terror und Gewalt im Dorf Einzug. Die jüdische Gemeinde Grötzingens wurde vernichtet, im Zweiten Weltkrieg wurden 24 % des Dorfes durch Luftangriffe zerstört, und 236 Grötzinger fielen oder sind vermißt.
Der Wiederaufbau war schwierig, Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot wurden durch Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten verschärft. In den 1950er Jahren wuchs das Dorf über seine jahrhundertealten Grenzen hinaus. Mitte der 1960er Jahre waren die schlimmsten Wiederaufbauprobleme gelöst, und Grötzingen konnte damit beginnen die Infrastruktur der Gemeinde zu verbessern und ihren Wohnwert zu erhöhen. 1974 wurde Grötzingen durch Eingemeindung zu einem Stadtteil Karlsruhes, 1991 feierte Grötzingen die 1.000-Jahrfeier seiner ersten urkundlichen Erwähnung.
Aus: Susanne Asche, Eintausend Jahre Grötzingen. Die Geschichte eines Dorfes. Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Band 13, Karlsruhe 1991.
Die Besiedlung umliegender Ortschaften wie Hagsfeld und Durlach erfolgte von Grötzingen aus.
Es gibt keine Belege dafür, daß die Grötzinger sich am Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts beteiligten, dennoch ist zu vermuten, dass sie in die Aufstände des Bundschuhs hineingezogen wurden. 1556 wechselte Grötzingen auf Befehl des Landesherrn Markgraf Karl II. von Baden-Durlach zum protestantischen Glauben über. Die mit der Reformation verbundenen Änderungen der Herrschaftsstruktur verlangte von den Dorfbewohnern eine Neuorganisation ihres Zusammenlebens: eine gewisse Eigenständigkeit ermöglichte den Aufbau einer Dorfverwaltung. Um 1600 war Grötzingen ein wohlhabendes Dorf, dessen Felder und Rebberge reiche Ernte brauchten und dessen Höfe und Gebäude von einem geordneten Gemeinwesen berichteten. All dies wurde im 17. Jahrhundert zerstört, der Dreißigjährige Krieg, die Pest und weitere Kriege brachten Grötzingen und seinen Bewohnern Elend und Armut. Die markgräfliche Wirtschaftsförderung bestand aus der Förderung von Gewerbe und den ersten Anfängen der Industrie und der Verbesserung der Landwirtschaft. 1778 wurde eine Krappfabrik in Grötzingen angesiedelt, in der Viehhaltung wurde die Stallfütterung mühsam durchgesetzt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts führte man die Fruchtwechselwirtschaft ein, die die bislang als Weideland genutzte Brache zugunsten der Bebauung mit Klee, Kartoffeln, Dickrüben, Zuckerrüben, Krapp, Raps, Mohn und Tabak abschaffte. Zur Förderung der Wirtschaft gehörte auch die Durchführung von Vieh- und Krämermärkten. Nach der Wende zum 18. Jahrhundert beherbergte die Augustenburg einige Jahrzenhnte lang einen fürstlichen Haushalt, nach dem Tod der Markgräfin Augusta Maria im Jahr 1728 verlor sie ihre Bedeutung als fürstliche Wohnung. Das Verschwinden des Hofes läutete den langsamen wirtschaftlichen und kulturellen Abstieg Grötzingens im 18. Jahrhundert ein. Im Spanischen, im Polnischen und im Österreichischen Erbfolgekrieg wurde der Südwesten Deutschland jedesmal zum Durchmarschgebiet und das Pfinztal zur Heerstraße. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte die Gemeinde einen mühsamen Neuanfang.
Nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg war in Grötzingen eine jüdische Gemeinde entstanden, 1797 lebten dort 23 Erwachsene, 27 Kinder und neun Dienstboten jüdischen Glaubens, 1798 wurde die sehr einfache Synagoge fertiggestellt.
Das 19. Jahrhundert brachte die endgültige Auflösung traditioneller Strukturen, die Emanzipation der Bauern und auch der Juden. 1783 war in Baden die Leibeigenschaft abgeschafft worden, die Kriege gegen das revolutionäre und napoleonische Frankreich brachten neben allem Elend auch einen großen Modernisierungsschub nach Baden. Der moderne Verwaltungsstaat wurde geschaffen, die Abschaffung von Fronen und Zehnten ging mit der Umstellung von Naturalleistungen zur Geldwirtschaft einher. Die Gemeindereform von 1831 brachte eine innergemeindliche Demokratisierung mit sich.
Die große Massenarmut seit Ende der Napoleonischen Kriege resultierte in einer Auswanderungswelle, die seit Mitte der 1840er Jahre viele Grötzinger erfaßte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wanderten über 200 Dorfbewohner aus, die meisten nach Amerika. Im Revolutionsjahr 1849 setzte sich auch die Grötzinger Volkswehr für Demokratie und Freiheit ein.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Grötzingen an das in Deutschland entstehende Eisenbahnnetz angeschlossen. Die neue Mobilität förderte den Wandel vom Bauerndorf zur Arbeiterwohngemeinde, in der die Landwirtschaft nur noch dem Nebenerwerb diente. Die Industrialisierung veränderte das Leben der Dorfbewohner grundlegend, es wurde bürgerlich und städtisch. Kultur- und Sportvereine und Ortsvereine politischer Parteien wurden gegründet. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ändere das Dorfbild sein Äußeres, mit der wachsenden Einwohnerzahl und der Ansiedlung von Industrie wurde die Erschließung neuer Baugebiete notwendig.
Während des Ersten Weltkriegs fielen 153 Grötzinger. Trotz aller politischen Erschütterungen zeichnete sich das dörfliche Leben in den ersten Jahren nach Kriegsende durch Kontinuität aus, die Bevölkerung lebte weiterhin zu 80 % von der Industrie, die Landwirtschaft spielte aber im Alltag immer noch eine Rolle. Im Arbeiterdorf Grötzingen war in der Zeit der Weimarer Republik die Arbeitslosigkeit hoch.
Ende 1929 wurde die Grötzinger Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gegründet, nach der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler hielten Terror und Gewalt im Dorf Einzug. Die jüdische Gemeinde Grötzingens wurde vernichtet, im Zweiten Weltkrieg wurden 24 % des Dorfes durch Luftangriffe zerstört, und 236 Grötzinger fielen oder sind vermißt.
Der Wiederaufbau war schwierig, Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot wurden durch Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten verschärft. In den 1950er Jahren wuchs das Dorf über seine jahrhundertealten Grenzen hinaus. Mitte der 1960er Jahre waren die schlimmsten Wiederaufbauprobleme gelöst, und Grötzingen konnte damit beginnen die Infrastruktur der Gemeinde zu verbessern und ihren Wohnwert zu erhöhen. 1974 wurde Grötzingen durch Eingemeindung zu einem Stadtteil Karlsruhes, 1991 feierte Grötzingen die 1.000-Jahrfeier seiner ersten urkundlichen Erwähnung.
Aus: Susanne Asche, Eintausend Jahre Grötzingen. Die Geschichte eines Dorfes. Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Band 13, Karlsruhe 1991.




