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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 88 vom 24. September 2010

900 Jahre Aue

Im Schatten der Durlacher Residenz

von Anke Mühren­berg

In einer Besit­zur­kunde des Klosters Gottesaue 1110 wird das "Alia Godeshowa", das "andere Gottesaue" erwähnt. Hierbei handelt es sich vermutlich um das heutige Aue. Dieser Erster­wäh­nung voran­ge­gan­gen war die Gründung des Klosters Gottesaue durch Berthold von Hohenberg im Jahr 1094. Nach dessen Tod am 3. März 1110 stellte König Heinrich V. am 18. August desselben Jahres ein Privileg aus, in dem er die Freiheiten des Klosters bestätigte. Neben dem "anderen Gottesaue" tauchen auch die Namen Rintdan und Burdam auf, weswegen 2010 neben Aue auch Beiertheim und Rintheim ihre Erster­wäh­nung vor 900 Jahren feiern.

Aue bei Durlach

1560 zeigt eine Karte die Lage der Orte: Neben der Stadt Durlach, kurz vor ihrer Erhebung zur Residenz­stadt, und dem Turmberg sind auch die Orte Aue, Wolfarts­weier, Gottesaue, Bulach, Beiertheim und Knielingen sowie die Schlösser Rüppurr und Mühlburg zu erkennen. Aue wird zu dieser Zeit noch mit "Au" bezeichnet, denn seinen heutigen Namen Aue erhielt der Ort erst 1635, noch 1404 wird er "Ouwe by Durlach" genannt.

Aue war von Durlach abhängig, denn es heißt, das Dorf "git bette und stur mit den von Durlach und gehort tott und lebendig dahin", also es gibt Bede, das war die Zahlung des Bürger­gel­des, und Steuern wie auch die Durlacher und gehört somit tot oder lebendig dorthin. Allerdings bezieht sich der Satz tot und lebendig darauf, dass die Auemer von der Durlacher Kirche abhängig waren, Aue wurde also auch in dieser Angele­gen­heit als zu Durlach gehörig betrachtet. Noch 1569 ließ Aue Urkunden mangels eigenen Siegels mit dem Siegel von Durlach versehen. Später hat sich der Gebrauch eines umkränzten A im Siegel einge­bür­gert, das das Generallan­des­ar­chiv 1895 im Interesse der Tradi­ti­ons­wah­rung für das Auemer Wappen ergänzt mit einer Pappel aufgriff.

Aue hatte allerdings einen von der Landes­herr­schaft einge­setz­ten Schult­hei­ßen, später war dies der Bürger­meis­ter. Denn nachdem die Markgrafen von Baden das Gebiet und somit die Landes­ho­heit erworben hatten, wurden unter Rudolf I. von Baden (1243 - 1288) erste Verwal­tungs­struk­tu­ren aufgebaut. Demzufolge übernah­men die Markgrafen die in den Gebieten beste­hen­den Schult­heiß­ver­fas­sun­gen. Die Schult­hei­ßen waren als Vorsteher des jeweiligen Dorfes oder der Stadt nun dem Markgrafen gegenüber verant­wort­lich. Da Rudolf I. von Baden sein Land vergrö­ßerte, brauchte er fortan auch eine organi­sierte lokale Verwaltung, woraufhin er Vogtei­be­zirke errichtete. Durlach war eins von diesen Ämtern. In dem Testament von Markgraf Jakob von Baden werden dann am 11. April 1453 erstmals die zum Durlacher Amt gehörigen Dörfer aufgezählt, darunter auch Aue.

Nachdem Durlach 1565 zur Residenz­stadt erhoben worden war, waren die Auemer als Nachbarn oftmals die Nahrungs­lie­fe­ran­ten, da sie von je her von der Landwirt­schaft lebten. Als Durlach im Pfälzi­schen Erbfol­ge­krieg 1689 komplett zerstört wurde, kam Aue als kleines und somit kriegs­stra­te­gisch unwich­ti­ges Dorf relativ glimpflich davon. Beim Amtsan­tritt des Markgra­fen Karl Wilhelm, dem späteren Karlsruher Stadt­grün­der, wohnten im Jahr 1709 lediglich 26 männliche Einwohner mit ihren Familien in Aue, darunter sechs ledige junge Männer. Da die Frauen, Knechte und Mägde kein Bürger­recht hatten, wurden sie auch zahlen­mä­ßig nicht erfasst. Rechnet man diese Zahl jedoch hoch, kommt man auf eine Einwohner­zahl von ungefähr 130 Menschen.

Eigene Gemarkung und Verwaltung für Aue

Da Durlach und Aue eine Markge­nos­sen­schaft bildeten, gab es natürlich immer wieder Grenz­strei­tig­kei­ten, die durch Prozesse im 18. und 19. Jahrhun­dert verbürgt sind. Das führte dazu, dass nach jahrzehn­te­lan­gen Ausein­an­der­set­zun­gen zwischen Durlach, Aue und der Großher­zog­li­chen Regierung dann letzt­end­lich 1859 eine Gemar­kungs­tren­nung durch­ge­führt wurde. Aue konnte daraufhin zwar 283 Hektar Land sein eigen nennen, war nun aber komplett von der Durlacher Gemarkung umschlos­sen. Aue baute sich jetzt auch ein Schul- sowie ein Rathaus und hatte eine Dorfver­wal­tung mit Bürger­meis­ter, Gemein­de­rat und Bürge­raus­schuss, wie es das neue Gemein­de­ge­setz von 1831 vorsah. Trotzdem wären die Auemer gern in das Durlacher Bürger­recht aufge­nom­men worden, da sie dann Teilhabe an der Durlacher Allmende gehabt hätten, dieser Gemein­be­sitz bestand in Durlach zu dieser Zeit aus Wiesenland u. ä.

Kirchlich war Aue weiterhin eine Filial­ge­meinde der Durlacher, der Durlacher Pfarrer war auch für Aue zuständig, eine eigene Kirche hatten sie zu dieser Zeit noch nicht. Als Durlach dann aber am Ende des 18. Jahrhun­derts ein zweiter Pfarrer zugewiesen wurde, kam dieser nach Aue. Erst 1927 bekam Aue eine eigene Pfarrei, nachdem es 1911 eigen­stän­di­ges Vikariat geworden war.

Die Auemer zogen ihre Vorteile aus dem engen Zusam­men­le­ben mit Durlach: So zahlten sie wie die Durlacher auf den Durlacher Märkten kein Standgeld. Das war wichtig, denn die Auemer lebten von der Landwirt­schaft und der Absatz auf den Märkten in der unmit­tel­ba­ren Umgebung war lebens­not­wen­dig.

Auswir­kun­gen der Indus­tria­li­sie­rung

Diese landwirt­schaft­li­che Prägung Aues änderte sich auch nicht sofort, als im 19. Jahrhun­dert mehr und mehr Fabriken in Durlach entstanden. Aber diese Fabriken waren für die Auemer der Start­schuss in eine neue Zeit: Aus dem Bauerndorf wurde nun ein Arbei­ter­dorf, da viele der Auemer Einwohner bei der Nähma­schi­nen­fa­brik Gritzner (später Pfaff), der Maschi­nen­fa­brik Sebold (später Badische Maschi­nen­fa­brik) oder den anderen bekannten Indus­trie­be­trie­ben arbeiteten.

An der Straße von Durlach nach Aue entstanden nun ebenfalls Fabriken, z. B. 1880 die Marga­ri­ne­fa­brik Franz Xaver Schmidt sowie die Römhildt­schen Dampf­sä­ge­werke. 1920 kam die Orgelbau­fa­brik Carl Heß hinzu. Deshalb wuchsen Aue und Durlach auch räumlich immer dichter aneinander. Zudem wurde durch den immensen Bevöl­ke­rungs­an­stieg als Folge der starken Indus­tria­li­sie­rung vermehrt Wohnraum benötigt. Durch die Verlegung des alten Durlacher Bahnhofs (heute Postge­bäu­de) konnte im Osten der Stadt in Richtung Aue Bauland gewonnen werden, das betraf insbe­son­dere das heutige Lohn-Lissen-Gebiet und die Hinter­wie­sen, wo man als erstes Straßen anlegte. Zwei Jahre später gab es dann bereits Planungen zum Bau von Zwei-Famili­en­häu­sern explizit für Arbei­ter­fa­mi­lien zwischen Killis­feld­straße und Lissen­gra­ben. Doch der Erste Weltkrieg beendete 1914 dieses Vorhaben, erst ab 1919 entstand ein erster Wohnblock in der heutigen Auer-, Ernst-Friedrich- und Stein­metz­straße. Zudem wurden nach Plänen des Archi­tek­ten Hermann Alker im Alten Graben sowie in der Auer- und Blatt­wie­sen­straße Häuser gebaut.

Der Weg zum Zusam­menschluss mit Durlach

Bereits 1906 hatten die Auemer erwogen, sich nach Durlach einge­mein­den zu lassen, die Durlacher aller­dings zögerten und schlossen Aue erstmal nur an ihre 1896 einge­führte moderne Gas- und Wasser­ver­sor­gung an. Der damalige Durlacher Bürger­meis­ter Philipp Reichardt kommen­tierte dies in einer etwas blumigen Ausdrucks­wei­se in der Bürge­raus­schuss­sit­zung: "Die Verträge wurden nicht vom kaufmän­ni­schen Standpunkt aus geschlos­sen, sondern um die Entwick­lung und den Frieden beider Gemeinden zu fördern; es liegt darin ein Verhältnis, wie zwischen Braut und Bräutigam, der seine Geliebte mit einem Vertrag zart ans Herz gelegt hat, so dass sie ihm später freiwillig und von selbst in die Arme fliegt". Aue war im Übrigen zu dieser Zeit stark gewachsen: 1830 lebten ca. 102 Familien mit 509 Personen in Aue, die alle im Handwerk oder in der Landwirt­schaft tätig waren, 1907 waren es 2.146 berufs­tä­tige Personen, bei einer Gesamt­be­völ­ke­rung von 2702. die nun aber weniger in der Landwirt­schaft, sondern mehr im Handel und Gewerbe bzw. überwie­gend in den Fabriken tätig waren.

Einen nun möglichen Zusam­menschluss beider Orte verhin­derte ebenfalls der Erste Weltkrieg. Erst am 15. März 1921 forderte das Bezirksamt den Zusam­menschluss der beiden Gemeinden, da die Einwohner Aues überwie­gend in Durlacher Fabriken arbeiteten und beide Orte deswegen nicht nur räumlich, sondern auch wirtschaft­lich eng zusam­men­hin­gen. Ein knappes halbes Jahr später, am 15. August 1921, erfolgte die offizielle Einge­mein­dung von Aue nach Durlach. Beide Orte profi­tier­ten davon, für Aue blieb der Bürger­nut­zen erhalten und Durlach erhielt aufgrund der gewach­se­nen Gemarkung und Einwohner­zahl, Aue hatte zu dieser Zeit 3.045 Einwohner, eine zweite Bürger­meis­ter­stelle.

Am 1. April 1938 wurde Durlach-Aue, wie die Stadt offiziell hieß, letzt­end­lich auf Betreiben der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen badischen Regierung und des Gauleiters Robert Wagner nach Karlsruhe einge­mein­det.

Der Karlsruher Stadtteil Durlach-Aue

In der Nachkriegs­zeit wandelte sich Aue äußerlich durch die Bebauungen gerade im Lohn-Lissen-Gebiet, wodurch Durlach und Aue komplett zusam­men­wuch­sen. Die neuen Indus­trie­an­sied­lun­gen im Killisfeld trugen ebenfalls dazu bei, dass aus dem ehemaligen Straßen­dorf ein Stadtteil wurde.

Doch Aue hat sich den Charakter eines eigenen Ortes auch heute noch erhalten. So gibt es hier immer noch eine reiche Anzahl von Vereinen, die teilweise bereits seit dem 19. Jahrhun­dert existieren, wie die Turnge­meinde Aue, die aus dem 1895 gegrün­de­ten Turnverein Aue hervorging, oder die Spiel­ver­ei­ni­gung Aue, die sich auf den 1912 gegrün­de­ten Turnerbund Aue beruft. Veran­stal­tun­gen und Feste prägen den Stadtteil, dafür wurde 1976 das Oberwald­sta­dion erbaut und 1980 der Festplatz eingeweiht. Weiterhin gibt es eigenen Handel und Gewerbe vor Ort, der Stadtteil ist seit 2004 auch an das Karlsruher Straßen­bahn­netz angeschlos­sen.

Die kirchliche Situation hat sich verändert: seit 1964 feiert die evange­li­sche Gemeinde ihren Gottes­dienst in der Trini­ta­tis­kir­che, 1966 wurde die katho­li­sche Kirche St. Johannes Baptista gebaut, das Lohn-Lissen-Gebiet erhielt 1974 die Luther­kir­che.

In schuli­scher Hinsicht gab es ebenfalls Verän­de­run­gen: Am Ende der fünfziger Jahre und Anfang der sechziger Jahren stieg die Schüler­zahl stetig an, so dass 1965 ein neues Schul­ge­bäude errichtet wurde, das heute die Oberwald­schule Aue beherbergt.

So ist Aue auch heute noch 900 Jahre nach seiner Erster­wäh­nung ein Bestand­teil Karlsruhes mit einer guten Infra­struk­tur, zahlrei­chen Vereinen, die das örtliche Leben bereichern, aber auch Industrie und Gewerbe.

Leicht gekürzter und überar­bei­te­ter Beitrag aus: Arbeits­ge­mein­schaft der Auer Vereine und Kirchen­ge­mein­den (Hrsg.): 900 Jahre freie Hansa-Stadt Aue 1110-2010, Karlsruhe 2010.

Dr. Anke Mührenberg, Leiterin des Pfinz­gau­muse­ums

 

Die Gemarkung von Aue, 1867. Foto: StadtAK 8/PBS XVI 213

Die Gemarkung von Aue, 1867. Foto: StadtAK 8/PBS XVI 213


Blick in die Westmarkstraße, 1958. Foto: StadtAK 8/Bildarchiv Schlesiger

Blick in die Westmarkstraße, 1958. Foto: StadtAK 8/Bildarchiv Schlesiger