Karlsruhe: Stadtgeschichte
Blick in die Geschichte Nr. 86 vom 19. März 2010
1940-1945: Deportationen besiegelten das Ende der Karlsruher Juden
"Umsiedlung" - "Abwanderung" - "Arbeitseinsatz"
von Josef Werner
Es ist kaum zu glauben. Im Osten waren die russischen
Armeen nach Ostpreußen vorgestoßen, im Westen standen die
Amerikaner im Raum Aachen. In dieser für Deutschland
aussichtslosen Lage hatte das SS-Sicherheitshauptamt
in Berlin nichts anderes zu tun, als auch die letzten
Juden noch in ein Konzentrationslager zu bringen. Es
war am 14. Februar 1945, einige Wochen vor der Eroberung
Karlsruhes durch die Franzosen, als 17 noch in der Stadt
lebende Mitbürger, Juden in "Mischehe" und Kinder aus
solchen Ehen, vom Karlsruher Hauptbahnhof aus die Fahrt
ins Ungewisse antreten mussten. Zwei Tage später landeten
sie in Theresienstadt, für Zehntausende
Schicksalsgefährten Durchgangslager für
Auschwitz.
Von den rund 3.300 Juden, die im Jahr 1933 in Karlsruhe
lebten, hatten bis Kriegsbeginn im Jahr 1939 über 2.000
im Ausland eine Zuflucht gefunden. 945 jüdische Mitbürger,
die sich, meist aus Armut, nicht hatten retten können,
wurden am 22. Oktober 1940 zusammen mit allen anderen
badischen und "saarpfälzischen" Juden nach dem Lager Gurs
im Südwesten Frankreichs abgeschoben, für die meisten
mit einem tödlichen Ende. "Baden ist judenfrei",
telegrafierte der badische Gauleiter und
Reichsstatthalter nach Berlin. In Wahrheit waren in
Karlsruhe noch 120 bis 130 Juden zurückgeblieben, Kranke,
nicht Transportfähige sowie Juden, die in "Mischehe"
lebten, und deren Kinder.
In der Karlsruher "Judenkartei" peinlichst genau
registriert, durften sich die "Zurückgebliebenen"
allerdings keineswegs in Sicherheit wiegen. Nach der
berüchtigten "Wannseekonferenz" vom 29. Januar 1942,
bei der die "Endlösung" für die Juden in Deutschland und
den besetzten Ländern beschlossen wurde, wurden in
mehreren Deportationen die letzten jüdischen Mitbürger
in die Vernichtungslager im Osten oder nach
Theresienstadt gebracht.
Eines der ersten der Opfer: Dr. Erich
Cohn
Unter 74 badischen Juden, die schon am 24. April 1942 von
der Gestapo zur "Umsiedlung" bestimmt waren, befanden
sich elf Karlsruher. Zu ihnen gehörte der 55-jährige Dr.
Erich Cohn, vormals Inhaber der Bielefeldschen
Buchhandlung am Marktplatz. Seine Frau war ein Jahr zuvor
in den Freitod gegangen. Ziel dieses Transports war Ibiza
bei Lublin. Von den unglücklichen Opfern war nie wieder
etwas zu hören.
Vier Monate später, am 22. August 1942, wurden 14
Karlsruher Juden nach Theresienstadt deportiert,
beschönigend "Altersghetto" genannt. Theresienstadt,
benannt nach der österreichischen Kaiserin Maria
Theresia, war von deren Sohn Kaiser Josef II., Mitte des
18. Jahrhunderts als Festung errichtet worden. In die in
Nordböhmen gelegene, überwiegend aus Kasernen bestehende
Stadt waren zunächst Juden aus der Tschechoslowakei,
dann in größeren Transporten auch Juden aus Deutschland
gebracht worden. Unter den Opfern des Transports aus
Karlsruhe vom August 1942 befand sich, zusammen mit ihrer
Mutter, die 56-jährige Martha Gemmecke. Sie war die Witwe
des einst gefeierten Staatsschauspielers Paul Gemmecke,
der wegen seiner "jüdischen Versippung" im Jahr 1937 vom
Badischen Staatstheater entlassen, in Verzweiflung über
sein berufliches Ende den Freitod gewählt hatte. Wie
alle anderen Karlsruher Schicksalsgefährten wurden auch
Martha Gemmecke und ihre Mutter später nach Auschwitz
"weitergeleietet".
Einer Deportation, die in Auschwitz endete, entzog sich
Ende September 1942 die 48-jährige Regina Spanier, indem
sie den Freitod wählte. Ihr Mann, der bekannte
Kieferchirurg Dr Fritz Spanier mit eigener Klinik in der
Sophienstraße , war zuvor in die USA entkommen. Der
Verfolgung durch das NS-Regime hatte sich mit Gift schon
1940 auch die 67-jährige Marie Curjel entzogen, Witwe von
Robert Curjel (+1923), eines der großen Architekten zu
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, der
zusammen mit Karl Moser in Karlsruhe unter vielem Anderen
die Lutherkirche, die Christuskirche und die
Stadthalle geplant und gebaut hat.
Das tragische Ende von Julius
Hirsch
Ein tragisches Ende nahm Julius Hirsch, legendärer
Fußballspieler des KFV und in der Nationalmannschaft.
Hirsch, im Jahr 1939 von seiner christlichen Frau
einvernehmlich geschieden, berichtete im Februar 1943
seiner Familie, mit der er nach wie vor Kontakt hatte,
dass er zu einem "Arbeitseinsatz" wegkomme. Ein
befreundeter Lokomotivführer habe ihm angeboten, ihn in
seiner Lokomotive an einen sicheren Ort zu bringen. Um
sich nicht vermeintlich "Schlimmerem" auszusetzen,
habe sein Vater abgelehnt, berichtete später Sohn Heino
Hirsch. So wurde Julius Hirsch am 1. März 1943 zusammen
mit fünf weiteren Karlsruher Juden nach Auschwitz
deportiert und dort vermutlich unmittelbar nach Ankunft
des Transports in der Gaskammer ermordet. Sein letztes
Lebenszeichen war eine Karte, die er von Dortmund aus
hatte schreiben können.
Anders als bei diesen Deportationen, die "Umsiedlung",
"Abwanderung" oder "Arbeitseinsatz" genannt wurden,
vollzog sich das Geschehen vom 14. Februar 1945. Nicht
mehr Karl Eisenmann, ehemaliger Amtsgerichtsrat und seit
1941 Vorsitzender der Bezirksstelle Baden-Pfalz der
"Reichsvereinigung der Juden in Deutschland",
unterrichtete wie bisher unter Zwang die von der Gestapo
zum Abtransport bestimmten Personen, sondern diese
selbst. Mit Brief vom 5. Februar wurden per "Ladung" die
letzten in "Mischehe" lebenden sowie die "Halbjuden" zum
Büro der Karlsruher Gestapo in der Ritterstraße
einbestellt. Den über 20 Personen wurde dort eröffnet,
dass sie sich am Abend des 14. Februar "betreffs
Arbeitseinsatz" im Luftschutzkeller des Karlsruher
Hauptbahnhofs einzufinden hätten.
In Gartenhütten
versteckt
Nun stand auch der mit einer "Arierin" verheiratete
Eisenmann selbst auf der Liste. Die frühe
Benachrichtigung nutzten er und einige andere zu dem
Versuch, unterzutauchen und sich einem ungewissen
Schicksal zu entziehen. Der ihm befreundete
Rechtsanwalt Dr. Franz Ripfel bot Eisenmann und dem
Geschwisterpaar Renate und Rudi Kahn seine kleine Hütte
in abgelegener Lage des Turmbergs als Unterschlupf an.
Eingefädelt hatte den Rettungsversuch der damalige
Landesgerichtsrat Dr. Gerhard Cämmerer. Er und seine
Familie versorgten die Flüchtlinge nachts mit
Lebensmitteln, die sie vom Rittnert- und vom
Lamprechtshof bekommen hatten. Das risiko- und
entbehrungsreiche Unternehmen gelang: Am 5. April
1945, nachdem die Franzosen Durlach eingenommen hatten,
waren Eisenmann und die Geschwister Kahn frei.
Eine nicht minder gefährliche Rettungstat vollzog sich in
Ettlingen. In einer Gartenhütte im Norden der Stadt hatte
der Kioskbesitzer Otto Hörner aus der Karlsruher
Südstadt 1942 den ihm befreundeten Adolf Löbel und zwei
minderjährige Juden aus Berlin versteckt. Zu diesen
gesellte sich die ebenfalls im Frühjahr 1945 zum
"Arbeitseinsatz" beorderte Goldine Zweifel, Frau des
"arischen" Hauptlehrers Heinz Zweifel, nach Kriegsende
stellvertretender Direktor der Pädagogischen
Hochschule Karlsruhe. Auch diese Rettungstat nahm ein
gutes Ende. Gleichfalls in Ettlingen fand der Karlsruher
Schneidermeister Fritz Strauß Asyl. Auch er sollte am
14. Februar am Hauptbahnhof erscheinen. Der Ettlinger
Steuerberater Robert Holtz versteckte ihn in seinem
Haus in der Waldkolonie. Strauß war danach, eingesetzt
von den Franzosen, Ettlingens erster
Nachkriegs-Bürgermeister.
Leo Ransenberg - "der gute
Stern"
Am Abend des 14. Februar 1945 fehlten außer den auf dem
Turmberg und in Ettlingen Untergebrachten Eva Schwall
aus Daxlanden und Julchen Süß aus Hochstetten. Artur
Schwall, Inhaber der Kronenlichtspiele in Daxlanden,
hatte einen befreundeten Arzt überreden können, seine
Frau mit Spritzen in künstliches Fieber zu versetzen und
mit Hilfe eines amtsärztlichen Zeugnisses ihre
Transportunfähigkeit zu bescheinigen. Die 40-jährige
Julchen Süß und ihr "arischer" Mann entschieden sich, der
Verfolgung ein gemeinsames Ende zu machen. Der Ehemann
erschoss seine Frau, überlebte selbst aber
schwerverletzt.
Alle übrigen der zu der letzten Deportation Befohlenen,
die keine andere Wahl hatten, 17 an der Zahl, kamen nach
zweitägiger Fahrt in Theresienstadt an. Sie erlebten
dort schlimme Zeiten, Kälte, Hunger, Durst, Fronarbeit und
den vielfachen Tod von zu Skeletten abgemagerten, aus
anderen Lagern herangefahrener Häftlinge. Josza Tensi,
die Frau des Karlsruher Buchbindermeisters und späteren
Innungsobermeisters Otto Tensi, hat Leben und Sterben
in Theresienstadt in einem ergreifenden Tagebuch
festgehalten. Darin ist aber auch zu lesen, wie
verlässlich die 17 Karlsruher zusammenhielten, an der
Spitze Leo Ransenberg, "unser guter Stern". Gerühmt wird
in dem Tagebuch auch das Zusammenstehen der
Geschwister Heino und Esther Hirsch. "Nie im Leben", so
heißt es in Tensis Tagebuch, "sah ich so etwas Goldiges an
Geschwisterliebe und Treue." Ransenberg war es dann
auch, der die - mit ihm letzten 17 - deportierten
Karlsruher Juden nach der Befreiung von Theresienstadt
durch die Sowjetarmee Mitte Juni 1945 wohlbehalten
nach Karlsruhe zurückbrachte.
Nur drei der jüdischen Mitbürger, die die Deportationen
von 1940 bis 1945 überlebt haben, sind heute noch am
Leben: Hanna Meyer-Moses (Bremgarten, Schweiz) und Paul
Niedermann (Paris), Überlebende des Lagers Gurs, sowie
Esther Schuler, geb. Hirsch (Karlsruhe), die Tochter von
Julius Hirsch, zurückgekehrt aus Theresienstadt.
Josef Werner, Journalist, Ettlingen
In dieser Gartenhütte im Norden der Stadt Ettlingen überlebten Goldine Zweifel und Adolf Loebel die Judenverfolgung. Fotos: Stadtarchiv
Heino Hirsch
Esther Hirsch
Heino und Esther Hirsch - die Fotos entstanden im Jahr 1950 bzw. 1947 - waren die jüngsten der 17 im Februar 1945 nach Theresienstadt deportierten Karlsruhe Juden und "Mischlinge".



