Karlsruhe: Karlsruher Porträts
Egon Eiermann
Richtig heimisch wurde er als Berliner hier nie, und es
war ihm auch nicht vergönnt, in der Stadt, in der er 23
Jahre lang tätig war, außer dem eher abgelegenen
Versuchskraftwerk der Universität und den
unzugänglichen Bauten der MiRO-Raffinerie ein
repräsentatives öffentliches Gebäude zu errichten.
Trotzdem kommt Egon Eiermann der unbestreitbare
Verdienst zu, Karlsruhe in das Zentrum des Baugeschehens
der deutschen Nachkriegszeit gerückt zu haben.
Als er 1947 mit 43 Jahren als Professor an die Technische
Hochschule berufen wurde, war er allenfalls Insidern ein
Begriff. Im "Dritten Reich" waren seine Berliner
Einfamilienhäuser und Industriebauten
aufgefallen, weil sie sich vom Stil der
nationalsozialistischen Machthaber abhoben.
Eiermann führte mit diesen Erstlingswerken - meist hart
am Rand des amtlich Geduldeten - auf eigenwillige Weise
Vorstellungen des modernen Bauens der 20er Jahre
weiter.
Als Lehrer schlug Eiermann in Karlsruhe von Anfang an hohe
Wellen. Seine ganz und gar unakademische, weltoffene
Art, seine unverblümte Rede und seine zeichnerischen
Fähigkeiten machten die Vorlesungen und
Entwurfsbesprechungen zu Ereignissen.
Charismatisch zog er Studierende an, denen er aber auch
Leistung abverlangte. Die Karlsruher TH wurde durch seine
Persönlichkeit wieder zu dem, was sie vor dem Ersten
Weltkrieg gewesen war, eine, wenn nicht gar die führende
Ausbildungsstätte für Architekten in
Deutschland.
Als kreativer Architekt und Möbeldesigner war Eiermann
nicht weniger erfolgreich. Von Karlsruhe aus schuf er mit
seinem Büro, in dem ihm über lange Jahre mit Robert
Hilgers ein fähiger Organisator zur Seite stand, eine
ganze Reihe von Bauten, die allesamt zu Inkunabeln der
50er und 60er Jahre werden sollten. Mit dem Deutschen
Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, der
Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dem
Versandhaus Neckermann in Frankfurt, der Deutschen
Botschaft in Washington, dem Abgeordneten-Hochhaus des
Bundestages in Bonn oder den Olivetti-Türmen in
Frankfurt gelangen ihm Meisterwerke, die für die deutsche
Architektur den Wiederanschluss an die nach 1933
verloren gegangene internationale Entwicklung
brachten. Sie zeichnen sich alle durch eine von
Konstruktion und Material bestimmte, bis ins Detail
sorgfältig durchdachte Bauweise aus, von der aber auch -
im Unterschied zu vielen gleichzeitigen
Architekturen - eine ungemein künstlerische Wirkung
ausgeht.
Mit striktem Beharren auf Qualität hat Egon Eiermann seine
Ziele verfolgt und dabei eigene finanzielle Interessen
und seine Gesundheit vernachlässigt. Sein früher Tod
riss ihn 1970 mitten aus dem Schaffen.
Zu seinem 100. Geburtstag ist Egon Eiermann, dem man aus
diesem Anlass sogar mit einer Sonderbriefmarke gedenkt,
wieder im Gespräch: Nicht nur bei denen, die ihn noch
erlebt haben, sondern auch bei einer jüngeren Generation,
für die seine Architektur durchaus aktuelle Bezüge
bietet. Erstmals versucht (bis 9. Januar 2005,
www.egon-eiermann.de) eine große Ausstellung in der
Städtischen Galerie, die vom Südwestdeutschen Archiv
für Architektur und Ingenieurbau an der Universität
Karlsruhe in Zusammenarbeit mit der Städtischen
Galerie vorbereitet wurde, das eindrucksvolle
Lebenswerk vorzustellen.
Dr. Gerhard Kabierske, Südwestdeutsches Archiv für
Architektur und Ingenieurbau an der Universität
Karlsruhe
Egon Eiermann 1904-1970
Foto: saai, W. Roth
