Karlsruhe: Karlsruher Porträts
Karl Friedrich Drais von Sauerbronn: Erfinder des Zweirades
Der spätere Großherzog von Baden war also Taufpate des neuen Erdenbürgers und hat diesen zum Forstdienst bestimmt. Nach dem Besuch des Karlsruher Gymnasiums, dessen Lehrer sein technisches Interesse weckte, wurde der junge Karl Friedrich von Drais Forstanwärter bei seinem Onkel in Pforzheim. Die Zeit bis zu seinem Forstexamen im Jahre 1807 überbrückte Drais mit dem Studium der Mathematik, Physik und Baukunst an der Universität Heidelberg. 1808 wurde der junge Student als Forstinspektor dem Forstbezirk Offenburg zugeteilt. Unter dem Einfluss des greisen Großherzogs und auf Ersuchen seines Vaters beförderte man ihn 1810 noch zum Großherzoglich badischen Forstmeister. Schon ein Jahr später erhielt Drais bei vollen Bezügen auf unbestimmte Zeit Urlaub, da er offenbar mehr Begabung für Erfindungen als für den Forstberuf zeigte. Nachdem sich Drais am Anfang seiner Erfindertätigkeit vorwiegend mit mathematischen Problemen beschäftigt hatte, entwickelte er 1813 ein Gefährt, das großes Aufsehen erregte. Anlass war die erste von fünf schlechten Ernten im Jahre 1812 gewesen, die die Haferpreise ansteigen ließ. Drais baute eine vierrädrige "Fahrmaschine ohne Pferde", die durch den "insitzenden Menschen, vermöge des einfachen und desto dauerhaften Maschinenwerks" angetrieben wurde. Diese Erfindung stellte er zunächst dem Großherzog und im Dezember 1813 dem Zaren Alexander von Russland vor, der zu dieser Zeit bei seiner Schwiegermutter, der Markgräfin Amalie, in Karlsruhe wohnte.
Die Vorführung fand wahrscheinlich in dem der Markgräfin gehörenden Erbprinzengarten zwischen Kriegsstraße und St. Stephan statt. Der Zar fand Gefallen an dem neuen Gefährt. Weniger günstig äußerten sich Weinbrenner und Tulla in ihrem Gutachten zu der neuen Erfindung: "Wir können ... der von Draisischen Fahrmaschine gar keinen wesentlichen Zweck beilegen, weil jedermann, der Füße hat, dieselben für seine Ortsveränderung weit besser auf eine natürliche Art gebrauchen kann ...". Sein Antrag auf ein "Monopol" zur Herstellung dieser Fahrmaschine wurde daher abgelehnt. Drais ließ sich dadurch aber zunächst nicht beirren, sondern führte eine verbesserte Version des Fahrzeugs 1814 auf dem Wiener Kongress vor.
Nach seiner vierrädrigen Fahrmaschine stellte Drais 1817 ein neues Gefährt vor: das Zweirad. Auf diesen Vorläufer unseres heutigen Fahrrads setzte man sich rittlings und stieß sich mit den Füssen vom Boden ab. Über dem Vorderrad war ein Lenkstange als umgekehrte Deichsel angebracht. Um die Nützlichkeit seiner Erfindung zu demonstrieren, fuhr Drais von Mannheim zum Relaishaus bei Schwetzingen und zurück in weniger als einer Stunde. Die Pferdepost brauchte damals für diese Strecke vier Stunden. Nach neuesten Forschungen war Drais wiederum durch eine von einer Naturkatastrophe ausgelöste Hungersnot, die 1816/17 ein Pferdesterben verursachte, zu dieser Erfindung angeregt worden. Oberst Tulla, der erneut ein Gutachten abgab, fand dennoch wenig Positives an dem neuen Verkehrsmittel. Trotzdem erteilte Großherzog Karl dem Freiherrn 1818 das Privileg, für zehn Jahre auch kommerziell seine Erfindung auswerten zu dürfen, und verlieh ihm den Titel eines Professors der Mechanik. Drais hatte sich bereits vorher bemüht, das Zweirad überall schützen zu lassen und bekannt zu machen, etwa durch Vorführungen in Baden-Baden und Frankfurt sowie in Nancy und Paris. Aber auch durch zahlreiche nicht lizensierte Nachbauten fand seine "Laufmaschine" rasche Verbreitung, so dass schon 1819 Leute auf z. T. eisernen Zweirädern in England und Amerika fuhren.
War sein Leben bisher nur turbulent gewesen, so begann für
Drais in Mannheim nach dem Tod des Vaters, der ihm immer
noch ein Halt gewesen war, der soziale Abstieg. 1832 wurde
seine Erfinderpension gekürzt. Dagegen
prozessierte er erfolgreich und brachte damit dem
Fiskalanwalt des Hofes eine Niederlage bei. In der
Folgezeit wurde er zum Ziel von dessen Privatrache,
wobei ein gegen ihn wohl inszenierter
handgreiflicher Ehrenhandel zum Verlust seines
Kammerherrenschlüssels führte. Zwei Jahre später
machte ihn der Schriftsteller Karl Gutzkow zum Opfer
eines Rufmordes. Er beschuldigte Drais in einem Buch, er
habe mit seinem Atem ein totes Kind zum Leben erwecken
wollen. Damit war Drais endgültig gesellschaftlich
ruiniert. Der Erfinder zog sich verbittert nach
Waldkatzenbach im Odenwald zurück und entwickelte
dort aus seiner vierrädrigen Fahrmaschine eine
Eisenbahndraisine. 1845 zog Drais wieder in seine
"Vaterstadt" Karlsruhe. Hier legte er in der Revolution
von 1848/49 seinen Adelstitel ab und bekannte sich zu den
demokratischen Forderungen.
Nach der Niederschlagung der Revolution und der Wiederherstellung der Monarchie wurde Drais' Pension zur Abdeckung der Revolutionskosten beschlagnahmt. Am 10. Dezember 1851 starb er verarmt in Karlsruhe.
Die Weiterentwicklung von der Laufmaschine zum Fahrrad
Die Weiterentwicklung der Laufmaschine zum Fahrrad bewirkte auch die Rehabilitation des Konstrukteurs der Basisinnovation. In den 1880er Jahren wurden die ersten Radsportvereine gegründet, die den Erfinder als Vater ihres Sports feierten. Der deutsche Radfahrerbund veranlasste 1891 die Überführung der irdischen Überreste des Freiherrn auf den Karlsruher Hauptfriedhof und errichtete ihm aus Spendengeldern ein repräsentatives Grabmal. Zwei Jahre später sammelte man für ein Denkmal, das 1893 in Anwesenheit des damaligen Stadtrats und des Oberbürgermeisters Schnetzler eingeweiht wurde. In den vierzig Jahren seit Drais' Tod hatte sich das Fahrrad bereits zum Massen- verkehrsmittel entwickelt. Der erste Schritt zum Fahrrad war 1864 die Anbringung von Pedalen am Vorderrad gewesen. Diese Weiterentwicklung stammte wohl von dem Franzosen Pierre Michaux. Da man den Hinterradantrieb mit Kette noch nicht kannte, wurde das Vorderrad immer größer, um eine höhere Übersetzung und somit Geschwindigkeit zu erreichen: die Hochräder entstanden. In der Fahrradfabrik des Briten John Kemp Starleys ging schließlich 1885 das erste stilsetzende Niederrad mit Hinterradkettenantrieb in Serie. Die Niederräder wurden durch die industrielle Massenfertigung auch für Arbeiter erschwinglich, die damit in die Fabrik fuhren. Heute sind weltweit mehrere hundert Millionen Menschen auf dem Fahrrad unterwegs. Auch Karl Benz, der Drais als Kind noch gesehen haben könnte, war ein begeisterter Zweiradfahrer und progressive Technikhistoriker stellen die Laufmaschine mit dem Automobil in eine Entwicklungsreihe.
Karl Friedrich Drais von Sauerbronn (1785 - 1851)
Drais von Sauerbronn auf der Laufmaschine
Drais in den Revolutionsjahren 1848/49. Er trägt unter seinem Rock die Uniform der damals neu gegründeten Bürgerwehr.
Der Karlsruher Bicycle Club
Literaturhinweis:
Hans Erhard Lessing: Automobilität. Karl Drais und die unglaublichen Anfänge, Leipzig 2003
