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Karlsruhe: Städtische Galerie

Kunst-Stoff. Textilien in der Kunst seit 1960

12. November 2011 bis 12. Februar 2012

Das Spektrum der Materia­lien, aus denen Kunst­wer­ke entstehen, hat sich seit den 1960er Jahren in fast unüber­schau­ba­rer Weise erweitert. Im Zuge der sich auflö­sen­den Grenzen zwischen den Medien fanden neue, zuvor unbeach­tete Werkstoffe Eingang in die Kunst. So kommen seither auch Materia­lien wie Fäden, Garne und Stoffe, die tradi­tio­nell mit Handwerk oder Kunst­hand­werk verbunden sind, zum Einsatz. Mit etwa 80 Werken von 37 Künst­le­rin­nen und Künstlern geht die Ausstel­lung der Frage nach, welchen Stellen­wert Textilien in der Kunst seit 1960 einnehmen, welche Tendenzen sich bis heute beobachten lassen und welche Inten­tio­nen mit der Verwendung so unkon­ven­tio­nel­ler Materia­lien wie Filz, Kleidungs­stücke oder Strick­stoffe verbunden sind. In den Gattungen Relief, Skulptur, Objekt, Instal­la­tion, Collage und Video werden Arbeiten inter­na­tio­nal renom­mier­ter Künstler und Künst­le­rin­nen wie beispiels­weise Joseph Beuys, Franz Erhard Walther, Reiner Ruthenbeck, Rosemarie Trockel, Sigmar Polke, Cosima von Bonin und Josephine Meckseper gezeigt, außerdem junge, aktuelle Positionen von Simone Rueß, Gabriela Oberkof­ler und Anja Luithle.

Textilien begleiten den Menschen in allen Phasen seines Lebens von der Geburt bis zum Tod. Herge­stellt aus tierischen, pflanz­li­chen oder synthe­ti­schen Fasern sind sie nicht nur als wärmende und schüt­zen­de Kleidungs­stücke unent­behr­lich, sie finden ebenso in unzähligen alltäg­li­chen Vorgängen Verwendung oder dienen in unter­schied­lichs­ter Art und Weise der Dekoration von privaten und öffent­li­chen Räumen. Jahrhun­der­te­lang blieb die künst­le­ri­sche Nutzung textiler Materia­lien im Wesent­li­chen auf die Verwendung von Stoffen als Bildträger in der Malerei oder aber auf den Bereich der Tapis­se­rien, Bildtep­pi­che und Gobelins beschränkt.

Die Etablie­rung von Textilien als autonome künst­le­ri­sche Werkstoffe begann erst in den 1950er Jahren und erfuhr seit 1960 im Kontext des allge­mei­nen revolu­tio­nären Aufbruchs der Künste, der Erwei­te­rung des Kunst­be­griffs und des neuen Interesses an verän­der­li­chen, instabilen und amorphen Materia­lien einen ungeahnten Aufschwung. Seither sind so ungewöhn­li­che Materia­lien wie Filz, Bettwäsche, Teppiche oder Häkel­ob­jekte selbst­ver­ständ­li­che Gestal­tungs­ele­men­te in der inter­na­tio­na­len Gegen­warts­kunst.

Ebenso vielfältig wie die textilen Materia­lien selbst sind auch die Inten­tio­nen, mit denen diese ursprüng­lich oftmals weiblich konno­tier­ten Werkstoffe als zeitge­mä­ße Bedeu­tungs­trä­ger einsetzt werden. Von Joseph Beuys bis Erwin Wurm, von Louise Bourgeois bis Rosemarie Trockel reicht das Spektrum der größten­teils inter­na­tio­nal renom­mier­ten Künst­le­rin­nen und Künstler, die mit charak­te­ris­ti­schen Werken vertreten sind. So präsen­tiert die Ausstel­lung ein weites Feld indivi­du­el­ler künst­le­ri­scher Haltungen und lässt auf gleicher­ma­ßen überra­schende wie faszi­nie­rende Weise anschau­lich werden, wie diffe­ren­ziert und phanta­sie­voll der Umgang mit textilen Materia­lien in der zeitge­nös­si­schen Kunst sein kann.

Zum Beispiel Filz: Dieses in der Geschichte der Kunst ganz unübliche Material fand um 1960 durch Joseph Beuys - etwa zeitgleich mit dem bislang ebenfalls tradi­ti­ons­lo­sen Werkstoff Fett - erstmals Eingang in den Kunst­be­reich. Während sich bei Beuys biogra­fi­sche Bezüge mit symbo­li­schen Bedeu­tun­gen und prakti­schen Funktio­nen des Materials verbinden, inter­es­sie­ren seinen ameri­ka­ni­schen Künst­ler­kol­le­gen Robert Morris in erster Linie die formalen Eigen­schaf­ten dieses Materials. Morris' Experi­mente mit Filz setzen 1967 ein und thema­ti­sie­ren mit Hilfe des flexiblen Stoffes, der lose an die Wand gehängt und vielfach geschich­tet wird, Überle­gun­gen zur Schwer­kraft, zum Raum und zum Prozess der Formfin­dung. Filz spielt nicht zuletzt bei A. R. Penck eine wichtige Rolle: Sein "Aschen­put­tel" von 1988 ist ein gleich­zei­tig abstrakt und seltsam wesenhaft anmutendes Gebilde, das an ein buntes, weiches, überdi­men­sio­na­les Spielzeug denken lässt, vom Künstler jedoch im Rahmen seiner Werkgruppe der "Standart-Modell"-Plastiken als Entwurf eines "idealen Roboters für alle Arbeiten" gedacht war.

Zur Ausstel­lung erscheint ein reich bebil­der­ter Katalog mit Beiträgen von Melanie Ardjah, Brigitte Baumstark und Margit Fritz. Er ist an der Museums­kasse zum Preis von 15 Euro erhältlich.

Folgende Künst­le­rin­nen und Künstler sind mit Werken in der Ausstel­lung vertreten:

Thomas Bayrle / Joseph Beuys / Alighiero e Boetti / Cosima von Bonin / Louise Bourgeois / Jürgen Brodwolf / Robert Elfgen / Tracey Emin / Tom Früchtl / Gotthard Graubner / Hösl & Mihaljevic / Ritzi Jacobi / Isabell Kamp / Kimsooja / Martin Kippen­ber­ger / Anja Luithle / Josephine Meckseper / Robert Morris / Stefan Müller / Ernesto Neto / Sebastian Neubauer / Gabriela Oberkofler / A. R. Penck / Sigmar Polke / Dieter Roth / Anila Rubiku / Simone Rueß / Reiner Ruthenbeck / Nada Sebestyén / Ulrike Tillmann / Rosemarie Trockel / Patricia Waller / Franz Erhard Walther / Martel Wiegand / Erwin Wurm / Martina Ziegentha­ler / Beat Zoderer

 

Robert Morris, Untitled, 2010, Filz, Copyright Robert Morris, Courtesy Sprüth Magers Berlin London, Sonnabend Gallery New York, © VG Bild-Kunst Bonn 2011, Foto Jochen Arentzen

Robert Morris, Untitled, 2010, Filz, Copyright Robert Morris, Courtesy Sprüth Magers Berlin London, Sonnabend Gallery New York, © VG Bild-Kunst Bonn 2011, Foto Jochen Arentzen