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Karlsruhe: Städtische Galerie

Kritische Beobachter - Karlsruher Realisten der 1970er Jahre im Kontext

15.März 2014 - 6.Juli 2014

Die 1970er Jahre waren ein Jahrzehnt der künst­le­ri­schen Umbrüche und Neuori­en­tie­run­gen. Dazu gehörte die Rückbe­sin­nung auf die realis­ti­sche Malerei, die sich in verschie­de­nen Spielarten in ganz Deutsch­land etablierte. Im Fokus stand dabei die gesell­schafts­kri­ti­sche Ausformung dieser Kunst­rich­tung. Der neue, kritische Realismus wollte tages­po­li­ti­sche Gescheh­nisse aufgreifen, aktuelle Trends skeptisch hinter­fra­gen und so ein politi­sches Bewusst­sein schärfen. Die aus der Kunst­samm­lung der Städti­schen Galerie entwi­ckelte Ausstel­lung Kritische Beobachter widmet sich nun dem bisher wenig behan­del­ten Thema der spezi­fi­schen Erschei­nung dieses Phänomens in Karlsruhe. Gezeigt werden rund 170 Arbeiten von über 40 Kunst­schaf­fen­den wie Candace Carter, Reinhard Dassler, Helmut Goettl, Harald Herr, Benno Huth, Tutilo Karcher, Waltraud Kniss, Bodo Kraft, Klaus Langkafel und Annette Ziegler, die in ihren Werken politische, städte­bau­li­che und gesell­schaft­li­che Umbrüche kritisch festhiel­ten.

Der Realismus in den bildenden Künsten ist ein Thema, welchem in der Vergan­gen­heit immer wieder neue Aktualität zukam. Geschicht­lich wurzelt er im Frank­reich des 19. Jahrhun­derts, als sich Künstler wie Gustave Courbet gegen ideali­sie­rende Darstel­lun­gen des Klassi­zis­mus und der Romantik wandten. Dem Realismus sind ein kritischer Blick auf die Bedin­gun­gen der Wirklich­keit sowie ein oftmals stark politisch konno­tier­ter Charakter zu Eigen. Dies wurde besonders im Deutsch­land der 1920er Jahre deutlich. Die Künstler und Künst­le­rin­nen der Neuen Sachlich­keit hinter­frag­ten mit ihrer Kunst die gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse in der Weimarer Republik und wiesen pointiert auf Missstän­de hin. In den 1970er Jahren entwi­ckel­ten sich in der gesamten Bundes­re­pu­blik neue Formen realis­ti­scher Malerei und Zeichnung. Diese orien­tier­ten sich stilis­tisch häufig an den neusach­li­chen Künst­le­rin­nen und Künstlern, erhielten zudem aber auch wesent­li­che Impulse durch die Neue Figuration in Deutsch­land sowie durch die Pop Art in England und Amerika. Den Protago­nis­ten der realis­ti­schen Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts schien es unmöglich, weiterhin eine von der Politik abgewandte Kunst zu betreiben. Sozio­po­li­ti­sche Entwick­lun­gen in der Nachkriegs­zeit und einschnei­dende Ereignisse wie Terror­an­schläge, die erste Ölkrise oder der anhal­ten­de Ost-West-Konflikt im Kalten Krieg, ließen sie nach der gesell­schaft­li­chen Relevanz von Kunst fragen. Ihnen ging es darum, Wider­sprüch­lich­kei­ten in der BRD aufzu­zei­gen und gleich­zei­tig das politische, kritische Bewusst­sein des Betrach­ters zu schärfen.

Zentren des neuen Realismus waren vor allem Berlin, Hamburg, Braun­schweig und Karlsruhe. Dass sich gerade in Karlsruhe neue realis­ti­sche Tendenzen zeigten, liegt unter anderem an den Profes­so­ren der hiesigen Kunst­aka­de­mie. Hierzu zählen Karl Hubbuch, Wilhelm Schnar­ren­ber­ger und Walter Becker, die bis zum Ende der 1950er Jahre unter­rich­te­ten und eine ganze Schül­er­ge­ne­ra­tion prägten. Zu nennen ist in diesem Kontext aber auch H.A.P. Grieshaber, der mit seinem politisch-gesell­schaft­li­chen Engagement ebenfalls ein wichtiger Impuls­ge­ber war. Neben den zeitge­nös­si­schen politi­schen Inhalten beschäf­tig­ten sich viele Künst­le­rin­nen und Künstler dieser Jahre zudem intensiv mit klassi­schen Mal- und Druck­tech­ni­ken. Deutlich wird dies durch den program­ma­ti­schen Namen "Die Unzeit­ge­mä­ßen", unter dem sich Reinhard Dassler, Helmut Goettl, Klaus Langkafel und Ulrich Sekinger als Gruppe definier­ten. Die stilis­tisch facet­ten­rei­chen Arbeiten jener Jahre fanden ihren Weg in die Kunst­samm­lung der Städti­schen Galerie Karlsruhe. Mit der Ausstel­lung Kritische Beobachter soll nun dieser reiche Bestand präsen­tiert werden. Ziel der Schau ist es, mit einem zeitlichen Abstand von mehr als 30 Jahren einen neuen, unver­fälsch­ten Blick auf die Kunst dieser Zeit zu werfen, die thema­ti­schen und stilis­ti­schen Eigen­hei­ten heraus­zu­stel­len und vielleicht auch Bezüge zur heutigen Zeit sichtbar zu machen.

Begleitheft zur Ausstellung (Word-Dokument, 37.21 MB)

 

Klaus Langkafel, Spion, 1969, Radierung, 14,8 x 12 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz

Klaus Langkafel, Spion, 1969, Radierung, 14,8 x 12 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz


Reinhard Klaus Schmitt, Kaiserstraße, 1978, Mischtechnik, 65,5 x 54,4 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz

Reinhard Klaus Schmitt, Kaiserstraße, 1978, Mischtechnik, 65,5 x 54,4 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz


Harald Herr, In der Altstadt I, 1982, Radierung, koloriert, Städtische Galerie Karlsruhe

Harald Herr, In der Altstadt I, 1982, Radierung, koloriert, Städtische Galerie Karlsruhe


Helmut Goettl, Leben auf Balkons, 1974, Bleistiftzeichnung, 61 x 43 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz

Helmut Goettl, Leben auf Balkons, 1974, Bleistiftzeichnung, 61 x 43 cm, Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: Heinz Pelz